Gedanken zum Sonntag, 20. Oktober 2019

 

 

 

 

 

Wolfgang Hensel, Dekanatsreferent

Katholische Kirche Böblingen

Das Wunder und die Wunde von Halle

Es ist fast nicht anders möglich, als bei diesen Sonntagsgedanken das Attentat von Halle in den Blick zu nehmen. Vielleicht ist es vielen noch gar nicht so klar, aber es markiert eine Zäsur, einen anderen Blick auf die Dinge – für uns alle, auch für die Kirchen.

Mein Empfinden, aber auch die vielen erschrockenen Reaktionen legen das sehr nahe.

Der Landesbischof von Mitteldeutschland, Friedrich Kramer, hat mich zur Überschrift inspiriert. Bei dem Gedenkgottesdienst in der Hallenser Marktkirche sagte er: "Die Tür der Synagoge hat gehalten, das ist das Wunder von Halle. Aber zwei Menschen mussten sterben, das ist die Wunde von Halle, die nicht leicht verheilen wird".

Zunächst zur „Wunde“:

Diese sinnlosen Morde sind entsetzlich; und schlimm ist zusätzlich, dass sie aus einer Art Frust passiert sind, weil der Täter das eigentlich geplante Attentat nicht verüben konnte.

Wie kann das sein, dass ein dreiviertel Jahrhundert nach Auschwitz dieser abgrundtiefe Hass auf Juden noch so lebendig und todbringend ist? Gerade auch als Christen kann uns nicht egal sein, wie unseren „älteren Geschwistern im Glauben“ hier mitgespielt wird.

Wie kann es sein, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz feststellen muss, dass es potentiell ca. 12.000 solcher gewaltbereiten Rechtsextremen im Land gibt, die auf so viele, die anders sind – Juden, Muslime, Flüchtlinge, Frauen, Homosexuelle … - Hass und Hetze entwickeln?

Sozialpsychologisch heißt dieses Verhalten „abwärtsgerichteter sozialer Vergleich“ und beschreibt ein Verhalten, das menschheitsgeschichtlich tief in uns allen steckt: dass es uns scheinbar besser geht, wenn wir auf vermeintlich „Niedere“ herabschauen können. Das ist eine „Wunde“, die mehr oder weniger stark viele in sich entdecken können.

Und je mehr sich Menschen gegenseitig sprachlich in ihren Abwärtsvergleichen bestä-tigen, je mehr eine Hass-und-Hetze-Kommunikation in sozialen Medien und real geduldet und immer normaler wird, desto stärker steigt die Gefahr der Eskalation in Gewalt-Handlungen.

Wichtiger scheint mir zu sein, dass es die gute Nachricht gibt, dass wir alle das Potential haben, diese Abwertungsschleife zu durchbrechen. Nämlich dann, wenn es um ein höheres Gut geht. Wie wenn z.B. ein Spielsüchtiger aufhört zu zocken, weil er erkennt, dass er sonst sein Haus nicht behalten kann …

Damit zu dem „Wunder“ von Halle.

Wie wäre es denn, wenn das Wunder letzte Woche nicht lediglich die standhaltende Tür der Synagoge gewesen wäre. Sondern wenn in den Menschen die Erkenntnis wüchse, dass wir viel höhere Güter zu schützen haben, als wir je mit Hass auf andere vermeintlich Schlechtes ausmerzen könnten.

Die Lichtermeere nach solchen Attentaten wie in Halle zeigen, dass es viele sind und dass es mehr sind, die so empfinden und auch so handeln, wenn es darauf ankommt; die der Verrohung entgegentreten, auch schon im Keim der Sprache; die Auseinandersetzung einfordern mit den Folgen von pauschaler Abwertung von Menschengruppen auch durch politische Parteien; die für eine klare Besinnung auf die Werte, die unsere Gesellschaft zusammenhalten eintreten …

Für die einen ist so ein Wert der Artikel 1 des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, für Christen ist es auch die Erinnerung an den menschenfreundlichen Gott, der in Jesus für die Menschen greifbar wurde. In seinen Begegnungen, die nicht unterschieden haben in oben/unten, Mann/Frau, arm/reich …

Wir Menschen finden sogar als ganze Völker (s. Antiapartheitsbewegung in Südafrika, Bürgerrechtsbewegung in USA  …) Wege, wie wir uns wohlfühlen können ohne Abwertung anderer. Das dürfen (und müssen) wir uns und anderen gern immer wieder sagen!