Gedanken zum Sonntag, 16. Juni 2019

 

 

 

 

Anton Feil, kath. Pfarrer der SE Schönbuchlichtung und Dekan des Dekanates Böblingen

Einander Gutes zusprechen – Segnen 

Als „Weisheit aus China“ habe ich vor kurzem den Spruch entdeckt: „Der Eine sieht nur Bäume – Probleme dicht an dicht. Der Andere Zwischenräume – und das Licht.“ 

Probleme gibt es aktuell in unserer Welt, in Europa, in der kath. Kirche – und im Nahbereich des eigenen Lebens und Wirkens – mehr als genug. Ich erspare es Ihnen und mir, diese „Probleme dicht an dicht“ aufzuzählen. Sie erreichen uns jeden Tag in den Medien. 

Weiterführender ist die Frage: Wo sehe ich „Zwischenräume – und das Licht“?

Beim Nachdenken in der Vorbereitung auf „Fronleichnam“, ein typisch katholisches Fest, ist mir aufgefallen: „Melchisedek, König von Salem, brachte Brot und Wein heraus und segnete Abram“. In welcher Situation? Abram kehrt von einem Kriegszug zurück. Und Melchisedek sieht Licht und entdeckt für Abram einen Zwischenraum, so dass Abram – vom Segen berührt – selber zum Teilen kommt. Freiwillig, freudig „gab ihm Abram den Zehnten von allem“ (vgl. Gen 14,18-20). 

„Zwischenräume – und das Licht“ entdecken. Einen anderen, den mir noch Fremden, den Unbekannten, segnen, ihm Gutes zusprechen. Das kann, das wird dem anderen guttun. 

Ich entdecke so: Wir können den Segen, der von Jesus Christus, von seiner Lebenshingabe am Kreuz, ausgeht, einander und anderen in dieser Welt nur "evangelisch“ schenken.

Das Evangelium verstehe ich als die Zusage: Du bist ein wertvoller Mensch, du bist in deiner Einmaligkeit von Gott geliebt. Diese Zusage tut dir gut, richtet dich auf, schenkt dir Frieden und Trost. Diesen Segen wirst du dir aber nur bewahren, wenn du ebenso deine Mitmenschen, die dir Vertrauten ebenso wie Unbequeme, Fremde segnest. Wenn du also im Umgang mit ihnen nicht nur „Bäume, Probleme dicht an dicht" siehst, sondern „Zwischenräume – und das Licht“ entdeckst. Einander segnen – das können Katholiken, Protestanten, Orthodoxe – bei allen Fragen oder „Bäumen“ mit dem Licht, dem Zwischenraum des Evangeliums. 

Andere segnen – das entdecken Christen als Auftrag, den ihr Herr Jesus Christus ihnen gibt, für all die „Bäume – Probleme dicht an dicht“ in dieser oft so zerrissenen Welt. Es sind immer Menschen, mit denen wir es zu tun haben. An uns ist es "Zwischenräume und Licht“ zu entdecken. Weil Christus unser Licht ist, tragen wir bei der Prozession das Evangelienbuch ebenso mit wie in der Monstranz Christus im Sakrament, im Zeichen des Brotes. Er ruft uns an seinen Tisch, stärkt und segnet uns, damit wir einander und für andere zum Segen werden.