Gedanken zum Sonntag 21. Februar 2021

 

 

 

 

 

Markus Häberle

Pfarrer, Evangelische Kirchengemeinde Holzgerlingen

Es ist aber auch einfach zu verführerisch …

Ein Kind – ein Marshmallow. So könnte man den Versuchsaufbau zusammenfassen. Einem Kind wird ein Marshmallow in die Hand gedrückt und versprochen, dass es weitere bekommt, wenn es eine bestimmte Zeit wartet, ohne das erste zu essen. Doch der Raum ist leer und die Blicke und die Gedanken des Kindes kehren immer wieder zu dem Objekt der Begierde in seinen Händen zurück. Wie weich es doch ist … Wie verlockend es riecht … Man sieht den Kindern an, wie schwer es ihnen fällt, auf den augenblicklichen Genuss zu verzichten. Und ehe man sich versieht, wird das Marshmallow letztlich in den Mund gestopft. Die Versuchung war einfach zu groß.

Versuchung.

Das ist das Thema dieses Sonntags in der Passionszeit. Und vermutlich war es selten so relevant wie jetzt. Viele von uns fühlen sich vielleicht ganz ähnlich wie diese Kinder. Die Pandemie und der Lockdown beschränken uns doch sehr. Und wir merken, wie schwer es auch uns fällt, auf vieles zu verzichten, selbst mit dem Wissen, dass dafür in Zukunft manches besser werden kann.

Doch auch unsere Gedanken - unser inneres geistliches Leben - stehen in Versuchung. Für jeden ist es etwas anderes. Etwas, von dem wir wissen, dass es eigentlich falsch ist, aber das uns trotzdem so süß und unwiderstehlich, so wichtig, dringend oder vielleicht auch empörend erscheint und auf die eine oder andere Weise unsere Gedanken gefangen nimmt. Was können wir dagegen tun?

Die klassische Antwort: fliehen! Einfach das meiden, was einen in Versuchung führt. Ganz nach dem Motto „aus den Augen - aus dem Sinn“. Das ist ja auch einer der Gründe, weshalb viele in der Passionszeit fasten. Bewusst auf etwas verzichten, das sie vom eigentlich Wichtigen ablenkt. Doch wie soll ich fliehen, wenn ich zuhause bleiben soll? Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob in dieser Zeit, in der wir ohnehin schon auf so viele Dinge verzichten müssen, ein weiterer Verzicht die Lösung ist.

Könnte es nicht sein, dass es genau das Gegenteil braucht?! Etwas, womit ich den Raum, den ich habe, sinnvoll fülle. Das nicht nur eine Ablenkung ist, sondern das Eigentliche, worum es im Leben geht. Wieso nützen wir diese Zeit der Leere, die viele derzeit empfinden, nicht dafür mal etwas anders zu „fasten“. Statt sieben Wochen ohne etwas, sieben Wochen mit etwas. Wieso nicht mal ein Stück in der Bibel lesen? Uns gleich morgens im Bett Zeit für ein Gebet zu nehmen, statt für den ersten Blick in die neuesten Horrormeldungen? Statt nur eine Serie nach der anderen zu schauen auch mal eines der vielen virtuellen Angebote der Kirchen und Gemeinden nutzen, um einen guten Impuls für die Woche zu bekommen?! Bei all dem Social-Distancing die Nähe unseres Vaters im Himmel zu suchen …  

Klingt das nicht verführerisch?