Gedanken zum Sonntag, 17. Juni 2018

 

 

 

Pfarrer Andreas Hiller
Evang. Betriebsseelsorge im Kirchenbezirk Böblingen

Vor ein paar Jahren kaufte ich mir im Frühjahr zwei neue Sommerhemden. Doch bereits nach dem ersten Waschgang waren die Hemden an der Naht ausgefranst. Jemand hatte ganz „auf Kante genäht“. Also ging ich mit Kaufbeleg und Hemden zurück in den Fachhandel und bat um Umtausch. „Nein, das geht nicht, wir müssen die Hemden zuerst einschicken. Ob diese umgetauscht werden oder Sie einen Gutschein erhalten, muss der Hersteller entscheiden.“ Mein Protest half nichts.

Auf Kante genäht, das Spiel mit dem Feuer, eine Gratwanderung – Bilder, die umschreiben, wie man sich Grenzen nähert und dabei in Gefahr gerät, sie zu überschreiten. Als bei VW rauskam, dass bei den Abgaswerten getrickst wurde, haben andere schnell betont: Wir nicht! „Auf Kante genäht“ wurde trotzdem. Um für das eigene Unternehmen Vorteile zu haben, arbeitete man sich an die gesetzlichen Grenzen heran, auch bei Daimler.

Was mich an der Sache am meisten ärgert ist, dass die Absatzzahlen alle anderen Anliegen überlagern. Müsste nicht die erste Frage sein: Was können wir tun, dass Autofahren nicht nur sicherer wird, sondern auch ökologischen Anliegen Rechnung trägt: möglichst wenig an Belastung für Umwelt und Mensch, nachhaltiges Handeln in der Herstellung, Effizienz im laufenden Betrieb, Langlebigkeit und ein sinnvolles Recycling alter Fahrzeuge.

Statt einer „auf die Kante genähten Produktion“ bräuchte es Unternehmen, die sagen: Wir halten, was wir versprechen. Wir liefern zuerst Qualität und kümmern uns nach dem Kauf um unsere zufriedenen Kunden. Wir übernehmen Verantwortung, wenn wir einen Fehler gemacht haben (was jeder Handwerkerbetrieb gewährleisten muss) und kommen, falls das passieren sollte, für die Kosten auf.

Was wir auch nicht brauchen ist eine Politik, die satte Strafen verhängt, die anprangert aber doch nicht handelt, die lieber neue Einnahmequellen generiert ("Staumaut“) anstatt öffentliche Verkehrsmittel zu fördern und diese attraktiv zu machen.

Wo ist der Mensch, der ehrlich ist und sagt: Auch Elektroautos sind nicht emissionsfrei – weder in der Herstellung noch im Betrieb, und der zugibt, dass autonomes Fahren das Stauproblem auf den Straßen auch nicht lösen kann?

Die Bibel spricht in solchen Fällen von „Umkehr“. Damit ist ein Umdenken auf allen Ebenen gemeint, verbunden mit einer neuen Handlungsstrategie.

Die Grundfrage ist: Was dient dem Menschen und der Umwelt – nicht nur hier in Deutschland, sondern auch an allen anderen Orten dieser Erde.

Zurück zu meinen Hemden: Die Antwort kam Ende September: ein Hemd wurde umgetauscht, für das andere bekam ich einen Gutschein. Alles legal – leider war der Sommer da schon vorbei.