Gedanken zum Sonntag, 15. Dezember 2019

 

 

 

 

 

 

Dr. Inken Rühle, Pfarrerin
in der Paul-Gerhardt-Gemeinde, Böblingen

„Bereitet dem Herrn den Weg..., denn siehe: der Herr kommt gewaltig!“

Diese Worte aus dem Buch Jesaja (Jes 40,3.10) stehen über der Woche, die morgen mit dem 3. Adventssonntag beginnt. Advent – Zeit der Erwartung. Und wen erwarten wir? Das kleine Kindlein in der Krippe? Niedlich anzuschauen ist es ja. Aber gerade dadurch wirkt es auch irgendwie recht harmlos – genauso harmlos wie all die Bräuche und Gewohnheiten, die wir in diesen Wochen so gern pflegen.

Ganz anders Jesaja! Denn er erwartet von Gott, dass er gewaltig, nämlich „mit Kraft“, kommt. Und Maria – als sie mit Jesus schwanger geht – besingt denselben Gott mit den gar nicht harmlosen Worten: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen...“ (Lk 1,52f).

Was die Bibel über den Advent, über Gottes Ankunft mitten unter uns zu sagen hat, ist weit weg von jener Wohlfühlreligiosität, von jenem Seelen-Wellness, mit dem heute oft die Adventszeit begangen wird. Denn sowohl Jesaja als auch die Mutter Jesu hoffen und warten voller Ungeduld darauf, dass sich für die Schwachen und Traurigen, für die Leidenden und Unterdrückten etwas ändern wird, bald! Ihre Adventssehnsucht ist also von sehr politischer Art.

Einer, der das in besonderer Weise verstanden hatte, war Johann Baptist Metz, der in der vergangenen Woche mit 91 Jahren starb. Als Begründer einer „neuen politischen Theologie“ gehörte er zu den einflussreichsten katholischen Theologen des zwanzigsten Jahrhunderts. Metz prägte den Begriff „Compassion“ – Mitleidenschaft: eine Verbindung von Leidenschaft und Mitleiden. Mit beidem steht Gott entschieden auf der Seite der Schwächsten der Gesellschaft. Der traditionellen christlichen Theologie dagegen warf Metz vor, gegenüber diesem Leiden unempfindlich geworden zu sein. Schon immer habe sie in ihrer Art von Gott zu sprechen versucht, „sich die beunruhigende Frage nach der Gerechtigkeit für unschuldig Leidende dadurch vom Leib zu halten, dass sie sie in die Frage nach der Erlösung der Schuldigen verwandelte... Nicht dem Leid der Kreatur galt die primäre Aufmerksamkeit, sondern ihrer Schuld.“ Und so wurde „die biblische Vision von der großen Gottesgerechtigkeit, der doch aller Hunger und Durst zu gelten hätte“, immer mehr verdrängt zugunsten von Schuldgefühlen und Sündenangst, die bewusst geschürt wurden – und das, obwohl Jesu erster Blick nicht der menschlichen Sünde, sondern dem menschlichen Leid galt (so Metz in seiner Abschiedsvorlesung als Theologieprofessor in Münster 1993).

Advent – Zeit der Erwartung. Wen erwarten wir? Und was erwarten wir von jenem niedlichen Kind in der Krippe, wenn es eines Tages erwachsen geworden ist?

Aber vielleicht sollte die Frage ja gerade umgekehrt lauten: Was erwartet er von uns?