Gedanken zum Sonntag, 9. Dezember 2018

 

 

 

 

Annegret Hiekisch, Dekanatsreferentin

Kath. Dekanat Böblingen

Momente von Glück 

Kennen Sie das auch? Sie sitzen am Steuer Ihres Autos und spüren, wie Sie immer müder und unaufmerksamer werden. Höchste Zeit für eine Pause, sagt der Kopf und bisweilen auch der Müdigkeitsassistent, der warnend im Display aufblinkt und zu einer Pause ermahnt. Und doch versuchen Sie, mit lauter Musik oder frischer Luft noch ein bisschen dagegen anzuhalten. Dabei ist es nicht nur höchst gefährlich, sondern auch fast unmöglich, mit anderen Mitteln als Schlaf gegen solch eine plötzlich aufkommende Müdigkeit anzukämpfen. Die Folgen im Straßenverkehr: heftige, oft tödliche Unfälle. Sekundenschlaf ist das Wort dafür - nur wenige Momente von Schlaf, die fatale Auswirkungen haben können. 

 „Wachet auf, ruft uns die Stimme!“, so fasst ein bekanntes Adventslied den Auftrag dieser besonderen Zeit im Jahr zusammen. Die biblischen Texte, die wir in diesen Wochen des Advent hören, drehen sich immer wieder um die Frage von Schlaf und von Wachsamkeit. Nicht nur körperlich, sondern vor allem in der Aufmerksamkeit für die wesentlichen Fragen des menschlichen Lebens und auch für das Göttliche, das sich auf der Welt zeigen möchte – in all dem, was uns bewegt und nicht selten auch bedroht. Da sind wir gefordert, nicht die Augen zuzumachen, sondern alles dafür zu tun, mit wachem Blick durchs Leben und durch unsere Zeit zu gehen. 

Solche innere Wachheit und Aufmerksamkeit – heute sagen wir dazu auch oft Achtsamkeit – lässt sich einüben. Weil sie mit einer grundsätzlichen, offenen Haltung dem Leben gegenüber zu tun hat. Es beginnt mit der Achtsamkeit für die kleinen Momente im Alltag, die unser Herz berühren. Besondere Momente von Einssein mit mir, von Nähe mit einem anderen Menschen, von der Wahrnehmung der Schönheit in der Natur, von tief empfundener Freude ... ‚Sekundenglück‘ nennt es Herbert Grönemeyer im ersten Song seines neuen Albums. Was für ein geniales Wort, was für ein berührender Gedanke – und nebenbei auch was für ein tolles Lied! Während der Sekundenschlaf die zerstörerische Macht hat, Menschenleben auszulöschen, haben Momente von Sekundenglück die innere Kraft, Menschen zu beleben und ihnen neue Lebensfreude und Perspektive zu schenken. Dabei ist ganz klar: Solche Momente von Glück lassen sich weder erkaufen noch erzwingen. Sie sind letztlich pures Geschenk. Das sich nicht fassen lässt, aber das wir dann, wenn der Moment da ist, für uns selbst tief im Herzen begreifen.  

Zu dem Lied von Herbert Grönemeyer gibt es ein sehr berührendes Musikvideo auf YouTube, in dem unzählige Glücksmomente aneinandergereiht sind. Das Besondere: Grönemeyer hatte im Vorfeld seine Fans aufgefordert, ihm Bilder oder kleine Filme von ihren persönlichen Glücksmomenten zu schicken. Herausgekommen ist eine eindrucksvolle und inspirierende Sammlung. Menschen wie du und ich teilen das, was sie glücklich macht. Was ihnen Lebensfreude gibt. Was ihrem Leben Fülle und Tiefe schenkt.  

Der Advent ist eine Zeit der Wachsamkeit und der Aufmerksamkeit für die wesentlichen Dimensionen unseres Lebens. Eine Zeit auch der Sehnsucht nach innerer Harmonie, nach Frieden und nach Glück. Lassen wir uns inspirieren von dieser besonderen Zeit, in der durch die beleuchteten Innenstädte, die Kerzen im Raum, die intensiven Düfte und Klänge auch unser Gefühl angesprochen wird. Und seien wir achtsam für die Momente von Einssein und Glück, die unserem Leben eine neue Tiefe und Ausrichtung geben können.