Gedanken zum Sonntag, 17. Februar 2019

 

 

 

Dr. B. Liebendörfer,

Dekan der evang. Kirche Böblingen

„Erst das Vergnügen, dann die Arbeit“, das war der stehende Spruch bei einem Jugendlichen, den ich vor Jahren kannte. Normalerweise kennen wir es als Redewendung umgekehrt: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“

Viele von uns sind so aufgewachsen und geprägt worden. Das Pflichtbewusstsein galt als preußische Tugend. Doch gerade auch den Schwaben – und vielleicht besonders den pietistisch geprägten Evangelischen – war das in Fleisch und Blut übergegangen. Das war die Auffassung, dass es erst um die Erfüllung der Aufgaben gehen müsse. Auch Christen müssten sich erst darum kümmern, dass sie nach Möglichkeit Gutes tun und Nächstenliebe üben. Zudem wurde vielen Christen vor Augen gestellt, dass sie Sünder seien und deswegen immer demütig sein müssten. Sie bräuchten ja Vergebung.

Beides sind Faktoren, bei denen Freude kaum aufkommen kann. Wenn die Pflicht immer im Vordergrund steht, dann ist für Vergnügen oder auch für Freude kaum mehr Raum. Und wenn man als Sünder mehr oder weniger stark mit einem schlechten Gewissen unterwegs sein soll, wer kann sich dann noch freuen? Da braucht es uns nicht wundern, wenn den Christen manchmal vorgehalten wurde, sie sollten fröhlicher herumlaufen.

In der Tat haben manche wohl etwas Nachholbedarf, wenn es um die Freude geht. Dabei kann es helfen zu entdecken, dass die Freude gerade im christlichen Glauben wichtige Quellen hat.

Wenn Gott, wie im ersten Kapitel der Bibel beschrieben, die Welt geschaffen hat und er dann immer wieder sah, dass es gut war, dann dürfen wir uns schon mit ihm an der Schöpfung freuen. Die Vielfalt der Pflanzen und Tiere können wir bestaunen.

Dass Gott uns Menschen mit Liebe entgegenkommt und uns annimmt, wie wir sind, ist sicher der größte Grund zu einer überwältigenden Freude.

Doch auch an den Fähigkeiten, die Gott in uns gelegt hat, dürfen wir uns freuen. Wir dürfen uns freuen, wenn uns dann dies oder jenes gelingt. Die Freude kann mit Dank zum Himmel aufsteigen.

Und schließlich ist uns ja noch eine ewige Freude in Gottes Herrlichkeit verheißen.

Es gibt also viel handfesten Grund, dass wir uns freuen. Wir dürfen Freude aufkommen lassen, auch wenn im Alltag nicht alles störungsfrei ist.

Ja, wenn wir in den Blick nehmen, was Gott alles für uns getan hat und tut, dann ist es sogar nur angemessen, dass wir darüber der Freude auch in unserem Leben Raum geben. Der christliche Glaube will uns geradezu zur Freude führen. Das darf auch durch viel Beschäftigung oder Verantwortungsbewusstsein nicht überdeckt werden. Diese Freude darf ebenso wenig untergehen, wenn wir uns über unsere eigene Unzulänglichkeit ärgern. Im Gegenteil: Diese Freude darf und soll in uns Raum gewinnen.

Deswegen war das dann doch gar nicht so falsch, was der Jugendliche einst gesagt hat. Wenn es sich um die Freude handelt, die aus dem Glauben kommt, dann hat sie tatsächlich Vorrang.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, dass Sie aus einer sehr tief und wohl begründeten Freude leben können,

Ihr

Bernhard Liebendörfer