Zuerst einmal die gute Nachricht: das Ehrenamt boomt! Alle Erhebungen zeigen auf, dass das ehrenamtliche Engagement in den letzten zwanzig Jahren um ein Vielfaches zugelegt hat. Dabei ist gerade Baden-Württemberg das Land des Ehrenamts. Fast jeder zweite Baden-Württemberger engagiert sich in seiner Freizeit ehrenamtlich. Zu diesem Ergebnis kommt der jüngste Deutsche Freiwilligensurvey, eine Erhebung des Deutschen Zentrums für Altersfragen in Berlin. Und die Zahl der Engagierten steigt seit Jahren auch hier „im Ländle“: von 41 % im Jahr 2009 auf fast 49 % im Jahr 2014 (Die Befragungen fanden sogar noch vor dem großen Engagement in der Flüchtlingshilfe statt). Die gute Nachricht also: Die Bereitschaft, sich bleibend und auch künftig zu engagieren, ist groß. Besonders auch bei denen, die sich bisher noch nicht einbringen, zeigt sich eine große Offenheit, sich ehrenamtlich zu engagieren.

Bild: Wolfgang Borrs / Pfarrbriefservice

Die weniger gute Nachricht: Oftmals ist vor Ort in den Kirchengemeinden, in vielen Gruppen und Verbänden davon wenig zu spüren. Viele, die sich ehrenamtlich engagieren, klagen darüber, dass sich niemand mehr finden lässt oder der „Nachwuchs” fehlt. Sie fühlen sich überfordert und häufig als Lückenbüßer missbraucht: „Wenn ich es nicht mache, dann macht es doch niemand!“ oder „Früher hat es der Hauptamtliche gemacht, aber den gibt es ja jetzt nicht mehr…“. Die Aufzählung ließe sich vielfach fortführen. Kurzum: Viele ehrenamtlich Engagierte sind an der Grenze ihrer Belastbarkeit angekommen.
Wie geht das nun zusammen: auf der einen Seite eine fast grenzenlose Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren und auf der anderen Seite viele Engagierte, die an ihre Grenzen stoßen? Ein wesentlicher Grund liegt sicher darin, dass sich die Art und Weise, wie sich Männer und Frauen ehrenamtlich engagieren, in den letzten Jahren spürbar verändert hat. Man spricht vom sogenannten Strukturwandel im Ehrenamt.

Menschen engagieren sich nicht mehr aus einem Pflichtgefühl heraus oder weil sie zum Beispiel vom Pfarrer gefragt werden und ihm nicht absagen möchten. Sie engagieren sich frei und selbstbestimmt und sind motiviert, wenn sie dabei einen persönlichen Mehrwert erfahren. Das Ehrenamt soll Spaß machen, aber auch sinnvoll sein. Auch engagiert man sich immer weniger, weil man sich einer Organisation oder Institution gegenüber verantwortlich fühlt, im Sinne von „das haben schon meine Großeltern und Eltern gemacht, also sollte ich mich jetzt auch hier einbringen…“. All das zählt heute nicht mehr. Im heutigen Ehrenamt möchte man selbst bestimmen, was der eigenen Begabung (Charisma) entspricht und man sucht sich den Rahmen, in dem man sein eigenes Anliegen verwirklichen kann.
Auch möchten Ehrenamtliche nicht mehr Handlanger von anderen sein (ein paar überlegen sich etwas und andere sollen es dann umsetzen), sondern sie wollen gleichberechtigt eingebunden und beteiligt werden. Man will Gemeinschaft erleben und mit anderen etwas bewirken. Nicht zuletzt spielt der zeitliche Rahmen eine ganz entscheidende Rolle: wenn ich mich einbringe, dann nicht gleich für eine unbestimmte Zeit oder für mehrere Jahre – wer weiß denn schon was morgen ist – sondern zeitlich begrenzt mit klarem Anfang und Ende. Kurzum: Früher haben Ehrenamtliche ihre Dienste oft „um  Gotteslohn“ übernommen, überwiegend aus religiösen Gründen. Heute gesellen sich ganz „menschliche“ Motivationen hinzu – Selbstverwirklichung, Spaß, eigene Erfüllung, Horizonterweiterung… Es engagieren sich zunehmend mehr Menschen, aber sie tun es weniger umfänglich und mehr projektorientiert, weniger in Leitungsaufgaben und eher in selbstorganisierten Formen. Das Ehrenamt wird bunter und selbstbestimmter  - auch in der Kirche.

Bild: Martin Manigatterer / Pfarrbriefservice

Hier stellt sich nun in unserem kirchlichen Kontext die Frage, ob diese Entwicklungen wirklich bedrohlich sind oder ob sie nicht viel mehr in die Haltung der „Volk-Gottes-Aufmerksamkeit“ führen, der Aufmerksamkeit für das, was ist und sein könnte! Auch wenn vielleicht manches anders daher kommt als wir es gerne hätten, zeigt sich doch, wie viele Menschen sich an unterschiedlichen Orten und in vielfältigen Formen einbringen. All das ist Vielfalt im Reich Gottes! Es mag auf den ersten Blick verunsichern, wenn wir keinen unmittelbaren Einfluss oder Zugriff mehr haben. Aber eines ist sicher: es gibt viele Menschen, gerade auch Getaufte, die ihre Talente und Begabungen (Charismen) an unterschiedlichen Orten einbringen. Hier greifen auch ganz konkret die Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils, denn schon vor über 50 Jahren wurde das gewohnte Kirchenverständnis auf den Kopf oder besser auf die Füße gestellt: Gedacht wird Kirche als Volk Gottes auf dem Weg, als Gemeinschaft der Getauften.
Kirche ist hier nicht eine Institution der Versorgung, sondern lebendiges Miteinander der Gaben und Begabungen.  In diesen Aussagen drückt sich ein erneuertes christliches Selbstbewusstsein aus, dass alle Getauften berufen sind, Kirche zu sein! Es geht eben nicht um die Bestandserhaltung einer in sich ruhenden Gemeinde/Kirchengemeinde, sondern um das vitale Wachstum in der Sendung. So könnte und kann Kirche weiterhin attraktiv sein für Menschen, die auf der Suche nach einem sinnvollen Engagement sind, welches ihr persönliches Leben, aber auch das kirchliche und gesellschaftliche Leben bereichert.
Der frühere Psychiater Viktor Frankl hat es treffend auf den Punkt gebracht: Wo Aufgabe und Begabung zusammenkommen, da ist Berufung! Eine der zentralen und kritischen Fragen der Zukunft wird sein, ob es uns in erster Linie um Mitgliederwerbung geht, also auch um den Selbsterhalt und darum, jemanden für bestehende Aufgaben zu finden? Oder ob es um den Menschen geht und um dessen Taufwürde, seine Gabe, seine Ideen und Bedürfnisse – auch wenn es nur zeitlich begrenzt ist und vielleicht  gerade nicht in das Gesamtprogramm passt. Eines kann dann allerdings passieren: es kommen „Ehrenämtler“, die manches anders machen, als man es vielleicht gerne hätte. Eine Grundsatzentscheidung wird lauten, offen zu sein und Engagement-Räume zu schaffen für unterschiedliche Menschen „guten Willens“ mit vielfältigen Ideen, Bereitschaften, Motiven, Lebenssituationen und Lebensentwürfen. Das schafft Weite und öffnet Grenzen – ganz persönliche, aber auch die Grenzen der Kirche am Ort!

Online gestellt am 13.11.2018
Text: Gabriele Denner / Referentin im Bischöflichen Ordinariat in Rottenburg
Großes Bild: ValVesa / Unsplash; weitere Bilder siehe Bildlegenden

Vom Lachen in der Bibel

Unser Herr Jesus bedurfte nicht solcher Narreteien, um uns den rechten Weg zu zeigen. Nichts in seinen Gleichnissen reizt uns zum Lachen. Wie Johannes Chrysostomos sagte: „Christus hat nie gelacht!“ Dies sind zwar Sätze einer fiktiven Figur, nämlich des alten, düsteren Mönches Jorge in Umberto Ecos Klassiker „Der Name der Rose” (1980). Die durchaus typische Haltung kirchlicher Amtsträger und Theologen, die sich mit Humor und Ironie, befreitem Lachen und befreiendem Gelächter durchaus schwertun, scheint nicht allzu weit hergeholt. Und aus der inneren Logik der Institution gedacht, mit den Interessen der Macht sowie der Mechanismen, diese zu erhalten, ist dies auch nur zu berechtigt. Denn Lachen im entscheidenden Moment kann aufatmen und Abstand nehmen lassen – um sodann von frischer Kraft gestärkt gegen Bollwerke von Lethargie, verstaubtem Traditionalismus und bierernster Rechthaberei angehen zu können.

Aber entspricht der behauptete Befund denn tatsächlich der Wirklichkeit, hat Jesus nicht gelacht, finden sich in all den biblischen Geschichten nur ernste Mienen? Schauen wir in die Texte, zeigt sich als überraschender Befund, dass an nicht wenigen Stellen mit kreativem Humor gehandelt wird, dass – und dies explizit gegen die oben zitierte Aussage! – gerade die Gleichnisse Jesu von geradezu intelligentem Vergnügen gekennzeichnet sind und dass nicht zuletzt an verschiedenen Stellen der Heiligen Schrift ausdrücklich vom Lachen die Rede ist. Was dann der Heiligkeit keinen Abbruch tut. Im Gegenteil, vielleicht bietet gerade die Fähigkeit zu Lachen, Humor und sich-selbst-nicht-so-wichtig-Nehmen eine gute, menschenfreundliche Voraussetzung dafür.

Die wohl bekannteste Stelle hierzu ist die Geschichte von Abraham und Sara aus den biblischen Urerzählungen, und dies in gleich drei erzählerischen Stufen: Da ist zunächst Sara, die bei der göttlichen Vorhersage, im hohen Alter noch ein Kind zu bekommen, einfach nur noch anfängt, „still in sich hinein zu lachen“: „Ich bin doch schon alt und verbraucht und soll noch ein Glück der Liebe erfahren?“ (Gen 18,12f) In Saras Lachen zeigt sich der Kontrast von Realität und der Möglichkeit, gegen wirklich jede Vernunft und Erfahrung ganz anderes zu erleben. Eine menschlich, allzu menschliche und darum nachvollziehbare Reaktion. Der wir zugleich noch eine zweite Szene an die Seite stellen können, denn schon wenige Abschnitte vorher war auch vom Lachen bei Abraham selbst die Rede. Und dies in einer theologisch ungleich brisanteren Frage, denn anders als bei Sara und ihrer (un)möglichen Schwangerschaft geht es bei Abraham um die Zusage Gottes, mit ihm einen neuen, ewigen Bund zu schließen. Und was tut Abraham? Er lacht – und dies nicht etwa still in sich hinein wie die doch leicht verschämt wirkende Sara, sondern offensichtlich und unübersehbar.

Abraham lacht Gott aus oder, wie es im Text heißt: „Abraham wirft sich auf sein Gesicht nieder und lacht.“ (Gen 17,17) Eine abgründige und sicherlich auch rätselhaft bleibende Stelle, gerade in der Spannung zwischen dieser Geste der Unterwerfung und dem befreienden Lachen. Denn hier setzt nun der dritte, wunderschöne Teil der Erzählung ein, der berichtet, wie Gott reagiert. Nicht wie ein absoluter Herrscher, der kein Lachen erträgt, der keinen Spaß versteht oder keinen frech aufblitzenden Humor duldet. Nein, die eigentliche Pointe der Geschichte ist, dass Gott seinen Bund mit dem (über ihn!) lachenden Menschen schließt, dass er bereit ist, selbst und vielleicht gerade mit denen eine große Geschichte zu beginnen, die über ihn und seine verwegenen Pläne lachen können. Oder, wie es die überglücklich doch noch einmal Mutter gewordene Sara ausruft: „Gott ließ mich lachen; jeder, der davon hört, wird mit mir lachen.“ (Gen 21,6)

Und als würde der biblische Autor der Genesis nicht darauf vertrauen, dass seine Hörer und Leser diesen springenden Punkt verstehen und die unerhört befreiende Kraft sowie die göttliche Grundlage fürs Lachen entdecken, schreibt er dieses Fazit in den Namen des Kindes hinein. Abraham und Sara nennen diesen unerwarteten Sohn „Isaak”. Und das heißt übersetzt: „Gott lacht”. Was für eine Pointe!

Dirk Steinfort, HorizonteBB 01-2018
Bild: Carin Raab / pfarrbriefservice.de

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