Gedanken zum Sonntag, 15. Oktober 2017

 

 

 

Thomas Kreis
Kath. Schuldekan in Herrenberg

TEILEN macht GANZ

... mit diesem ,Satz machen sich am heutigen Samstag, 14. Oktober 2017 um 13 Uhr Menschen aus den Dekanaten Böblingen und Rottenburg auf den Martinusweg. (Treffpunkt ist um 13.00 Uhr an der Dorfkirche St. Klemens in Poltringen, Ende um ca. 19.30 Uhr in der Gut-Hirten-Kirche in Gültstein).

Der Martinusweg, d. h. die von Szombathely in Ungarn nach Tours in Frankreich führende Straße wurde im Jahre 2005 vom Europarat als "Via Sancti Martini" zur Europäischen Kulturstraße erklärt. Der Europarat verfolgt dabei das Ziel, das Leben von Sankt Martin, dem bekanntesten Heiligen von Europa und die bedeutendsten Gedenkstätten seines Kultes zu präsentieren.

Sankt Martin ist in Szombathely, dem ehemaligen Savaria irn heutigen Ungarn geboren. Er zeichnete sich unter den Soldaten des Römischen Reiches nicht nur durch seine Tapferkeit, sondern auch durch seine Güte, sowie durch sein Mitleid mit kranken und armen Menschen aus. Beim Stadttor von Amiens gab er einem zitternden Bettler die Hälfte seines Mantels. Die Legende erzählt, dass Martin in der darauf folgenden Nacht von Jesus träumte. Jesus sagte ihm, dass er der Bettler gewesen sei; dem er am Stadttor geholfen habe. Unter dem Einfluss dieser Erscheinung ließ sich Martinus taufen, beendete seine militärische Laufbahn und begann, die Menschen von den Werten der christlichen Religion zu überzeugen. Später gründete er in Poitiers, einer Siedlung in Frankreich, ein Kloster und im Jahre 371 wurde er von der christlichen Gemeinde in Tours zum Bischof gewählt. Bald nach seinem Tod im Jahr 397 wurde er zum Schutzheiligen der fränkischen Könige und von ganz Gallien. Seine Ehrung verbreitete sich in der ganzen christlichen Welt. Mehr als drei Tausend Siedlungen und Kirchen in Europa tragen seinen Namen.

"Teilen macht ganz" - das scheint auf den ersten Blick ein Widerspruch in sich zu sein: Wenn ich etwas teile, dann nehme ich es auseinander, dann geht es eher kaputt, als dass es ganz wird. Wir haben es bei diesem Satz mit einem Paradox zu tun, einer scheinbar zugleich wahren und falschen Aussage, wie wir es von Sprüchen kennen wie "Weniger ist mehr!" oder "Man sieht nur mit dem Herzen gut!".

"Teilen macht ganz" - dieser Satz will meditiert und in seiner Tiefe erfasst werden. Vielleicht haben Sie selbst schon einmal erlebt, dass Sie wirklich und von Herzen etwas geteilt haben: Ihre Zeit mit einem Kind, Ihre Freundlichkeit mit einem fremden Menschen, Ihr Mitgefühl mit jemandem, der in Not ist. Und vielleicht haben Sie in diesem Teilen sich selbst als beschenkt erlebt: mit einer tiefen Zufriedenheit, mit dem vollen Gefühl, dass es richtig ist, was Sie tun, mit der Freude darüber, dass wirkliche Begegnung stattgefunden hat.

Ich freue mich, dass der Europarat mit dem "Via Sancti Martini" dem Heiligen Martin als bekanntestem Europäischen Heiligen ein solches Andenken und Ansehen verschafft hat. Vielleicht sind wir erst am Anfang damit, die politische Dimension dieses Satzes zu verstehen: Teilen macht ganz! Er ist die Keimzelle für Solidarität und Nächstenliebe, für Mitgefühl und Barmherzigkeit, für Anteilnahme und den Kampf für gerechte Verhältnisse - in unseren Gemeinden, in unseren Ländern, in Europa und auf dieser einen Welt - gegen all den Egoismus, den wir heute national wie international beobachten.

Vielleicht mögen Sie sich ja heute dieser Pilgergruppe anschließen oder es schon morgen in Ihrer eigenen Umgebung mit dem "Ganzwerden durch Teilen" versuchen? Ich lade Sie ein!

Thomas Kreis