Der Reformation gedenken!

Sindelfinger Zeitung vom 5. November 2016

 

 


Anton Feil
Dekan des
Katholischen
Dekanats
Böblingen

 

95 Thesen von Dr. Martin Luther bezo­gen klar Stellung gegen den Missbrauch eines religiösen Anliegens, gemeint ist der Handel mit Ablassbriefen (zur Finanzie­rung des Petersdomes in Rom), und für eine Erneuerung der Kirche aus der Quelle des Christentums, dem Evangelium. Sie lösten eine Entwicklung aus, die - "dank" vieler Faktoren - zur abendländischen Kirchenspaltung führte. Wenn wir zurückschauen auf diese 500 Jahre, dann sehen wir (nacheinander)

  • ein konfliktträchtiges Gegeneinander von Alt- und Neugläubigen
  • ein (mehr oder weniger) "befriedetes" Nebeneinander
  • ein zunehmend geschwisterliches Miteinander seit über 50 Jahren in der Ökumene.

Was bedeutet dies für Christen, Gemeinden, Kirchen im Gedenkjahr 2016/17?

"Evangelisch" kann auch von Katholiken wieder gehört und verstanden werden als Programm: Wir orientieren uns am Evangelium von Jesus Christus als maßgeblicher Grundlage des Glaubens.

"Katholisch" kann auch von Evangelischen wieder gehört und verstanden werden als Zielsetzung: Geh - mit dem Evangelium Jesu - aufs Ganze! (griechisch: "kat' holon"- gemäß dem Ganzen), wie es dem Missions- und Taufauftrag des Auferstandenen entspricht (Mt 28,16 - 20): Alle Menschen, Völker, Kulturen sollen die Botschaft von Gottes bedingungsloser Liebe nicht nur hören, sondern als befreiende und verbindende Kraft erfahren können.

Wie kann das geschehen?
Das Dokument "Vom Konflikt zur Ge­meinschaft" (2013), erarbeitet vom Lutherischen Weltbund und Rom, benennt als Schritte den Dank für das schon Erreichte, "die Heilung von Erinnerungen", und fünf Verpflichtungen für den weiteren Weg zur sichtbaren Einheit im Glauben.

Papst Franziskus und der Präsident des Lutherischen Weltbundes, Mounib Younan, haben in einem eindrucksvollen Gottesdienst am 31. 10. 2016 im schwedischen Lund dazu ein Dokument unterzeichnet: "Mehr als die Konflikte der Vergangenheit wird Gottes Gabe der Einheit unter uns die Zusammenarbeit leiten und unsere Solidarität vertiefen." "In Christus verwurzelt und ihn bezeugend erneuern wir unsere Ent­scheidung, treue Boten von Gottes grenzenloser Liebe für die ganze Menschheit zu sein."

Ich kann sie für Christen jeder Konfession in Kürze so benennen:

  1. Statt uns von Vorurteilen leiten zu lassen, wollen wir das Gemeinsame sehen und schätzen.
  2. Wir wollen einander offen und auf Augenhöhe begegnen und voneinander lernen.
  3. Wir wollen streben nach sichtbarer Gemeinschaft im Glauben, nach Einheit in versöhnter Verschiedenheit und bunter Vielfalt.
  4. Wir wollen in dieser von vielen Meinungen und Einflüssen geprägten Zeit das Evangelium in verständlicher Sprache zum Leuchten bringen.
  5. Wir wollen schon jetzt in sozialen, gesellschaftlichen, politischen Fragen möglichst gemeinsam handeln und Anlässe nutzen, um Gemeinschaft im Gottesdienst zu pflegen.

Nehmen wir das Gedenkjahr zum Anlass, um das Miteinander in der Ökumene zu vertiefen.

„Und sie bewegt sich doch!“

Kreiszeitung Böblingen vom 28. Januar 2017

 

 

 

Dr. Bernd Liebendörfer
Dekan des
Evangelischen
Kirchenbezirks
Böblingen

 

„Und sie bewegt sich doch!“ Das hat Galileo Galilei einst gesagt. Er war ein alles überragender Mathematiker, Philosoph, Ingenieur, Physiker und Astronom. Er lebte in Italien und verstarb 1642. Er war gläubiger Katholik, aber er hatte sich mit der Kirche total überworfen, weil er den Erkenntnissen der Naturwissenschaften vertraute. So hatte er das Weltbild aufgegeben, bei dem die Erde im Mittelpunkt gesehen wurde. Für Galileo war klar, die Erde kreist um die Sonne. Diese Erkenntnis hat die Kirche damals abgelehnt. Doch Galileo hat seine Überzeugung unterstrichen mit der Aussage: „Und sie, die Erde, bewegt sich doch!“

Das ist lange her. Heute hat keiner mehr Zweifel daran, dass Galileo Recht hatte. Natürlich bewegte sich schon damals die Erde um die Sonne. In Bezug auf solche naturwissenschaftlichen Erkenntnisse hat sich die Kirche damals noch nicht bewegt. Doch das ist anders geworden. Nicht nur deswegen kann man sogar mit Blick auf die Kirche sagen: „Und sie bewegt sich doch!“ Manchmal braucht es in der Kirche sehr lange, bis sich etwas ändert. Aber sie verändert sich ständig. Sie passt sich der jeweiligen Zeit mit ihren Herausforderungen an und muss dabei den Kern, das ihr anvertraute Evangelium, als ihre Grundlage bewahren.

In diesem Jahr blicken wir zurück auf 500 Jahre Reformation. Das war eine große Veränderung für die Kirche. Es war das Verdienst von Martin Luther und vielen anderen vor und nach ihm, dass der Blick wieder unmittelbar auf die Bibel und ihre Botschaft gerichtet wurde. Die Überzeugung, dass alle die Bibel lesen sollten, mündete in die allgemeine Schulpflicht. Die Bibel war dafür zunächst das erste Lesebuch.

Doch nicht nur die Zeit der Reformation hat die Kirche verändert. Auch seitdem hat sich die Kirche, sei es in ihrer katholischen oder evangelischen Ausprägung ständig geändert. Sie tut es auch heute noch. Und das ist gut so.

Der evangelische Kirchenbezirk Böblingen denkt in diesem Jahr nicht nur an die Reformation vor 500 Jahren. Zu uns kommt auch unser Prälat Dr. Christian Rose aus Reutlingen. Im Februar wird er unseren Kirchenbezirk intensiv besuchen und viele Gespräche führen. Dabei geht es unter anderem auch um Veränderungen. Wohin ist unsere Kirche unterwegs? Wie sollen wir bewahren, was uns im Kern ausmacht und was uns als Botschaft an die Welt aufgetragen ist? Wo sollen wir uns verändern, weil eine veränderte Welt neue Angebote und Antworten braucht? Viel Gottvertrauen ist beim Klären dieser Fragen von Nöten.

Manchmal geht es langsam bei der Kirche, aber sie bewegt sich doch. Und wir sind mitten dabei.