Der Leitartikel von Dr. Dirk Steinfort

Dr. Dirk Steinfort (Jg. 1966), Theologe, Literaturwissenschaftler und leidenschaftlicher Leser, seit 2011 Leiter der keb Böblingen.

Ausgabe HorizonteBB Herbst 2017

Reizüberflutung, Kontrollverlust, Multitasking: Tempo, Tempo! Unser Leben wird immer schneller. Doch leiden immer mehr Menschen unter den Anforderungen und Belastungen der Beschleunigung aller Lebensbereiche.
„Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit. Es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen, aber das will wenig besagen, denn jeder weiß, dass einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen – je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt. Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“
So heißt es an einer Stelle im Kinderbuch „Momo”, das der Schriftsteller Michael Ende 1973 schrieb. Momo ist die phantastische Geschichte über ein kleines Mädchen, das wunderbar zuhören kann und den Menschen so ihre gestohlene Zeit zurückbringt, auf der anderen Seite eine Erzählung über das Leben, die Zeit und unser Geldsystem. Der Untertitel des Romans lautet: Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte. Im Buch „Momo“ versuchen Zeitdiebe den Menschen ihre Zeit zu stehlen: Eine „Gesellschaft grauer Herren“ drängt dazu, immer schneller und hektischer zu leben. Sie versprechen, dadurch Zeit zu sparen, welche sich so für später aufheben lässt. In Wirklichkeit betrügen sie um diese angeblich gesparte Zeit. Aber anstatt den offenkundigen Betrug einzusehen, werden die Menschen beim Zeitsparen nur immer noch hastiger – und dadurch immer gefühl- und liebloser.

Wohlgemerkt: Tempo, Beschleunigung und High-Speed sind an sich nichts Schlimmes. Problematisch wird es, wenn Tempo zum alles entscheidenden Kriterium im Leben wird. Manch einer hetzt durch sein ganzes Leben, um irgendwann festzustellen, dass er nie Zeit hatte, sich um seine Familie und Freunde zu kümmern oder all die schönen Augenblicke zu genießen, die das Leben erst lebenswert machen. Zeit lässt sich nicht „sparen”. Wenn sie vorbei ist, ist sie unwiederbringlich vergangen.
Ein Teufelskreis, denn der Steigerung von Tempo entspricht eine zunehmende Hektik, der Beschleunigung aller Lebensbereiche, der Versuch, die Effizienz immer noch zu erhöhen einem dramatischen Verlust an Lebensqualität – und Lebens-Zeit. Oder, wie es der Wissenschaftsjournalist Stefan Klein pointiert formuliert: „Wir sind nicht gestresst, weil wir keine Zeit haben, sondern wir haben keine Zeit, weil wir gestresst sind.“ Nun, erkennen Sie sich wieder, fühlen Sie sich ertappt, ist es Ihnen allzu oft auch so gegangen? Sind auch Sie den grauen Herren in die Falle getappt?
„Momo” ist ein Kinderbuch voll weiser Einsichten, und Michael Ende hatte seine Überlegungen so gründlich in einem modernen Märchen verdichtet, dass sie gleich in eine herbe Modernitätskritik an Rationalisierung und Leistungsdruck mündeten. Geschrieben Anfang der siebziger Jahre – eine im Rückblick fast nostalgische Zeit, die heute geradezu gemächlich und langsam in all ihren Vollzügen erscheint:  Es gab keine Handys oder Computer, das Leben spielte sich nur an Festnetztelefonen (und zwar mit einer Leitung!) und an klassischen Schreibmaschinen ab, Briefe statt Emails prägten die Korrespondenz, Kommunikation fand tatsächlich von Mund zu Mund und nicht über entsprechende Apps statt...

Und so weiter, die Reihe wäre beliebig fortzusetzen und all dies soll hier keineswegs einer plumpen Verdammung neuer Erfindungen und ihrer Möglichkeiten dienen. Aber es gibt doch zu denken, wie viele Menschen die Erfahrung machen, dass sich Handy und Rechner, die doch eigentlich den Rücken freihalten sollten, oft als reine Zeitkiller erweisen. Unser Alltag hat sich zunehmend beschleunigt. Dazu Wachstumsdenken in allen Bereichen. Der Einzelne ist ohnmächtig, alles und jeder unterliegt dem Diktat der Zeit, der Steigerungslogik des Immer schneller und Immer mehr, dem Imperativ „Tempo!”: Schnellere Autos, schnellere Handys, mehr Arbeitsproduktivität, mehr Waren, mehr Absatz, mehr Kontakte. Wenn sie heute schnell arbeiten, müssten sie – gemäß dieser Logik des Systems und seiner Regeln – morgen noch schneller arbeiten. Tempo verschafft keine Frei-Zeit, sondern sorgt für noch mehr Tempo. Wie der Theologe Martin Spaeth richtig konstatiert: „Manche sind geradezu Weltmeister im Zeitsparen”. Mikrowelle, ICE und Computer machen es möglich, vieles schneller zu erledigen, als es früher möglich war. Und trotz allem haben wir immer weniger Zeit. Zeitmangel und Zeitdruck nehmen sogar zu. So sind die meisten von uns ständig auf der Suche nach der gewonnenen Zeit: Wo ist die ganze Zeit, die ich durch gute Planung und durch moderne Technik eingespart habe?“
Das Lebenstempo hat sich in den letzten hundert Jahren vervielfacht – und doch haben wir alle häufig das Gefühl, keine Zeit zu haben – und viele leiden darunter! Der Druck, in kürzerer Zeit immer mehr leisten zu müssen, wächst und wächst. Die technische Entwicklung prescht immer schneller voran. E-Mail, Internet und Satelliten-Telefon sorgen nicht nur dafür, dass wir mit der ganzen Welt jederzeit und in Echtzeit kommunizieren können. Nein: Wir packen zudem immer mehr in unsere Alltage hinein und verdichten die gelebte Zeit damit. Um es konkret und klarer zu machen: Kaum ein Mensch hat in den siebziger Jahren 50 Telegramme oder gar ausführlichere Briefe am Tag verschickt oder im 20. Jahrhundert so viel telefoniert. Heute aber sind 50 Kurznachrichten oder Mails für viele Menschen der Normalfall, das Handy liegt ständig griffbereit auf dem Tisch, Stand-by im grotesken Sinn!
Moderne Kommunikation nimmt die Möglichkeit vieler kurzer Wege. Eine echte Beziehung aber ist ein langer Weg. Der mag mühsam und (zeit)intensiv erscheinen, er lohnt aber und schenkt heilsame Erfahrungen. Allerdings nutzen wir all die durch technische Erfindungen oder die Digitalisierung vermeintlich gewonnene Zeit keineswegs zur Entspannung oder investieren sie in Beziehungen zu anderen Menschen – sondern wir setzen auf noch mehr Aktivitäten, eine weitere Steigerung des eigenen Tempos.
Der olympische Slogan vom „schneller, höher, weiter” hat längst alle Bereiche des Lebens geprägt. Wir ersetzen langsame Handlungen durch schnelle, essen zum Beispiel Fast Food statt selbst zu kochen. Wir machen verschiedene Dinge gleichzeitig (Multitasking), wir lassen immer öfter Pausen weg oder versuchen sie zumindest sinnvoll (!) zu füllen. Der Eindruck ist nicht von der Hand zu weisen, dass die ständige Erhöhung des Tempos und so der Versuch, Zeit zu sparen, zum Volkssport Nummer eins geworden ist. Tempo und Stress sind längst in jede Ritze des Alltags gewandert. Sie sitzen morgens mit am Küchentisch, stecken in den Smartphones, warten an der überfüllten U-Bahn-Station, hocken auf beladenen Schreibtischen, hängen über schlaflosen Nächten. Zugleich ist in den vergangenen zehn Jahren die Zahl der psychischen Erkrankungen in Deutschland um 70 Prozent (!) gestiegen. Die Verschärfung des Tempos führt keineswegs zur Erhöhung der gewonnenen Zeit und schon gar nicht zu einer Steigerung der Lebensqualität.  So lauten zwei witzig paradoxe Buchtitel des Wirtschaftswissenschaftlers und Zeitforschers Karl-Heinz Geissler: „Wart mal schnell” sowie „Enthetzt Euch!: Weniger Tempo - mehr Zeit”. Denn parallel zum Wunsch nach Beschleunigung ist die Sehnsucht nach Langsamkeit auszumachen.

Eine Redensart sagt, dass die Tage länger werden, wenn jeder Moment zählt. Anders als durch Erhöhung des Tempos, Verdichtung der Aufgaben und immer noch höherer Steigerung der Effizienz verbinden sich Lebenszeit und ihre Qualität durch bewusste Wahrnehmung der jeweiligen Gegenwart. Denn „wer sich über den Wert eines Augenblicks im Klaren ist, will ihn umso genauer erspüren”. Unter den vielen Merkwürdigkeiten unseres Zeiterlebens ist diese besonders faszinierend: Gerade das Bewusstsein, dass die Zeit flüchtig ist, verlängert die Zeit. Weise in West und Ost legen uns ans Herz, die Aufmerksamkeit ganz auf den Augenblick zu richten. In der östlichen Tradition heißt diese Empfehlung „Leben in Achtsamkeit”. Wer seine Wahrnehmung trainiert und lernt, mehr von der Gegenwart mitzubekommen, wird gleich zwei Nebenwirkungen bemerken: Zum einen verändert sich das Zeitempfinden. Je mehr Sinneseindrücke man von jedem Augenblick aufnimmt, desto reicher und ausgedehnter erscheint die Zeit in der Rückschau. „… Indem wir unserer Zeit mehr Leben geben, geben wir auch dem Leben mehr Zeit.“ (Stefan Klein)
Um zu schließen, möchte ich noch einmal ein Zitat aus dem Roman „Momo” aufgreifen, der von 1973 nicht nur so aktuell wie damals wirkt. Nein, dramatischer noch: Michael Ende scheint mit seiner Geschichte von den Zeitdieben und mit vielen seiner Aussagen geradezu prophetisch in die heutige Zeit hineingeschrieben zu haben. „Momo” ist ein Klassiker, der für unsere Zukunft entscheidende Einsichten beiträgt. In der Geschichte von Michael Ende gelingt es Momo schließlich, jene Zeitdiebe zu besiegen und so das Leben von sich, ihren Freunden und allen Menschen in der Stadt heilsam zu verändern. Der Roman schließt: „Und in der großen Stadt sah man, was man seit langem nicht mehr gesehen hatte: Kinder spielten mitten auf der Straße, und die Autofahrer, die warten mussten, guckten lächelnd zu, und manche stiegen aus und spielten einfach mit. Überall standen Leute, plauderten freundlich miteinander und erkundigten sich ausführlich nach dem gegenseitigen Wohlergehen. Wer zur Arbeit ging, hatte Zeit, die Blumen in einem Fenster zu bewundern oder einen Vogel zu füttern. (…) Die Arbeiter konnten ruhig und mit Liebe zur Sache arbeiten, denn es kam nicht mehr darauf an, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit fertig zu bringen. Jeder konnte sich zu allem so viel Zeit nehmen, wie er brauchte und haben wollte, denn von nun an war ja wieder genug davon da.“

Text + Bilder: Dirk Steinfort

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