Dialog in Freimut

Dialog in Freimut

Zu einem äußerst kurzweiligen, anregenden und im besten Sinne inspirierenden Vortrag war Professor Hermann Häring aus Tübingen nach Sindelfingen gekommen.

Die von keb, Goldbergseniorenakademie und Dekanat gemeinsam getragene Veranstaltung beschäftigte sich vor über 50 Zuhörerinnen und Zuhörern einerseits mit der Situation der Katholischen Kirche im 21. Jahrhundert. Dabei zeigte Häring neben objektiven Schwierigkeiten wie einer Erosion der Visionen, einer dramatisch schrumpfenden Zahl an Kirchenmitgliedern und einem zunehmenden Zusammenbruch der Seelsorge in den Gemeinden vor Ort auch die destruktiven Reaktionsmuster, mit denen zumindest Teile der Kirche auf diese Entwicklungen der Säkularisierung reagiert: bewusste Blockaden und das Ausbleiben echten Dialogs führten dabei zu einem Gefühl des Stillstands oder sogar zu Rückschritten. Einer zunehmenden Verunsicherung und einem ‚Hoheitsverlust in Sachen Religion‘ werde kirchlicherseits mit einer Neigung zu Fundamentalismus und Repressionen begegnet. Dabei erinnerte Häring an ein Wort der evangelischen Theologin Sölle, wonach die Kirchen oftmals eher als „Versicherungsanstalten gegen zu viel Religion“ empfunden werden könnte, statt die frohe Botschaft eines engagierten Lebens und Glaubens zu verkünden.

Mit ausführlichen Hinweisen zum Erbe des II. Vatikanischen Konzils, das er als wichtigstes kirchengeschichtliches Ereignis seit der Reformation‘ bezeichnete, versuchte Häring daraufhin, Spuren einer anderen, offenen Kirche zu entdecken. Er nannte die Öffnung auf die Kirchen der Reformation, einen neuen Blick auf Religionen und Religionsfreiheit sowie die Neu- oder Wiederentdeckung der Welt ebenso als einzulösenden Auftrag des Konzils wie zahlreiche innerkirchliche Strukturreformen, die weithin uneingelöst geblieben seien. Die Kompromisse unter den Konzilsbischöfen, die bis in die Texte hinein Eingang ins Konzil gefunden hätten, beschäftigen die Debatten in der Katholischen Kirche bis heute.

In einem weiteren Abschnitt seines Vortrags kam Häring damit auf die unbedingte Notwendigkeit eines wirklich offenen, mit gut paulinischem Freimut (2 Kor 3,12) geführten Dialogs zu sprechen – den er im inzwischen zum Gesprächsprozess der Bischofskonferenz leider nur sehr bedingt eingelöst sieht. Ein wirklicher Dialog sei doch gerade dadurch gekennzeichnet, dass in ihm offen alles verhandelbar sei. Ein solcher Dialog sei zwischen Menschen der Normalfall – er müsse nicht erst genehmigt, offiziell begonnen und dann gelenkt werden. Er könne aber auch nicht gestoppt oder allgemein beendet werden. Da vertraue er vielmehr darauf, dass sich der Geist dann Bahnen und Gemeinschaften suche, in denen sich neue Wege finden.

Wie ein solcher Dialog in Freimut aussehen könnte, war in der anschließenden, lebhaften Diskussion selbst zu erleben. Mit großem Dank der Veranstalter an Professor Häring und dem Gefühl, einen Abend mit ernsten Passagen, aber auch viel fruchtbaren Gedanken und Hoffnungsmomenten erlebt zu haben, gingen die Besucherinnen und Besucher lebhaft angestiftet auseinander.

 

Text: Dr. Dirk Steinfort

Fotos: Wolfgang Hensel

 

 

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(ak)