Gedanken zum Sonntag, 19. Juni 2016

 

 

 

 

Michael Broch, Renningen Rundfunkpfarrer i.R.

 

Kultur des Sonntags 

Oft gehe ich daran vorbei, an dem riesigen Fuhrpark und den großen Lagerhallen. Werktags ist hier “action pur”. Ein Brummi nach dem anderen fährt ab und kommt an. Und am Sonntag: alles steht still, eine wohltuende Ruhe. 

Bei uns ist der Sonntag noch geschützt. Doch dieser Schutz ist gefährdet. Selbstverständlich müssen viele auch Sonntags arbeiten: in Krankenhäusern, in der Gastronomie, bei Bahn und Polizei, in den Medien. Und natürlich wird auch in der Kirche sonntags gearbeitet. Immer öfter und lauter aber wird gedrängt, auch an Sonntagen die Geschäfte zu öffnen, die Produktion in Fabriken weiterlaufen zu lassen. 

Und dann? – Dann gibt es nur noch Werktage. In einer Familie hat dann die Mutter montags frei, der Vater mittwochs, die Tochter freitags und der Sohn tatsächlich sonntags. Das zerstört jede Gemeinschaft. Und wann feiern wir den runden Geburtstag, Taufe, Erstkommunion, Konfirmation und Firmung, Hochzeit – wenn es keinen gemeinsamen freien Tag, keinen Sonntag mehr gibt? Keinen gemeinsamen Rhythmus mehr von Arbeit und freier Zeit? Ein gemeinsames Atemholen ist nicht mehr möglich. 

Wir wären nur noch “Leistungssklaven” (S. Langendörfer) Und das hält auf Dauer kein Mensch aus, keine Familie, auch keine Gesellschaft. Das “Burnout-Syndrom” – körperlich und seelisch ausgebrannt sein – dieses “Burnout-Syndrom” würde nicht nur einzelne erfassen, sondern könnte irgendwann die ganze Gesellschaft treffen. 

Woher kommt die Idee, den Sonntag zu schützen? – “Achte auf den Sabbat – halte ihn heilig!” Das ist das dritte der “Zehn Gebote”. Das ist kein Befehl, sondern Gottes Geschenk an uns. Und eine der größten sozialen Errungenschaften, die wir dem Volk Israel verdanken. Und was beinhaltet die Sabbat-Tradition im Alten Testament? 

Gewährt Mensch und Tier, Natur und Acker die nötige Ruhe, heißt es da. Gedenkt der Befreiung aus der Sklaverei. Darum sollt auch ihr frei sein und euch nicht selbst versklaven, zum Beispiel durch pausenloses Arbeiten, durch "Leistungssklaverei”. Und weiter heißt es dort: Feiert den Bund mit Gott, feiert froh und dankbar. (Deuteronomium 12) 

Für die Christen bekommt dieser Tag noch eine zusätzliche Bedeutung. Sie feiern in ihren Gottesdiensten den Sonntag als Tag der Auferstehung Jesu vom Tod. Als Tag der Zuversicht und der Hoffnung. Und er ist gedacht als Tag der Ruhe und der Besinnung. 

Unser Gemeinwesen ist nicht nur Supermarkt, Vergnügungszentrum oder Sportpark. Leben ist mehr. “Wirtschaftsstandort” Deutschland - die Kirchen erinnern daran, dass dabei der “Menschlichkeitsstandort” Deutschland (P.M. Zulehner) nicht übersehen wird.