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Gedanken zum Sonntag, 29. Mai 2016






Carola Preiss, Jugendreferentin
Kath. Jugendreferat Böblingen


Es ist die Nacht auf Sonntag in Stuttgart, irgendwann gegen 24:00, und ich bin auf dem Weg zur U-Bahn Haltestelle „Rathaus“. Obwohl es spät ist sind noch jede Menge Leute unterwegs, schließlich ist Wochenende. Im Gang Richtung U-Bahn haben Obdachlose allerdings bereits ihre Schlafsäcke ausgebreitet. Als ich zum Gleis hinuntergehe sehe ich einen weiteren Obdachlosen, er ist gerade noch auf den Beinen, aber …! Abgestützt an der Wand stolpert er mühsam ein paar Schritte, dann verliert er das Gleichgewicht und fällt. Er kommt alleine nicht mehr richtig hoch, und ruft mit rauher Stimme um Hilfe.

Hm. Ich bin ihm von allen hier Wartenden eine der Nächsten. Aber ich bin ein Hänfling und er ein großer, schwerer Kerl. Außerdem scheint er betrunken. Im Geiste sehe ich meinen Hilfsversuch schon so enden, dass wir beide ungelenk vom Bahnsteig direkt auf die Gleise stolpern. He, ihr jungen Burschen links von mir! Ihr seid bestimmt stärker als ich, und zu Zweit, wollt ihr nicht anpacken? Aber niemand kommt, auch wenn viele ihre Hälse in unsere Richtung recken.

Was tun? Das Zeitalter der Mobiltelefone hat in solchen Momenten doch seine Vorteile, ich wähle 110. Für einen so Betrunkenen ist die Nähe zu den Gleisen eh kein guter Ort, Polizisten können ihn hoffentlich in Sicherheit bringen.

Der Diensthabende der sich meldet klingt überraschend gelangweilt, ich dachte bisher die Leute am anderen Ende von  110 stehen mehr unter Strom. Aber vielleicht muss man für diese Stelle auch besonders abgeklärt sein. Jedenfalls verspricht er, jemanden vorbeizuschicken.

Derweil kommt ein junger Mann mit Freundin im Schlepptau die Treppe herunter. Er ist nun glücklicherweise doch der Samariter, der sich dem Obdachlosen erbarmt und ihn wieder auf die Beine zieht. Na also, Glaube an die Menschheit wieder hergestellt. Wobei auch dieser junge Mann kräftig kämpfen muss bis der andere wieder halbwegs steht, da hätte ich wohl tatsächlich wenig bewegen können.

Sehr prompt kommen dann auch zwei bestens gelaunte Polizisten herbei (später soll mir einfallen dass direkt am Rathaus eine Polizeiwache steht). Auf deren freundliche Einladung „Nein, ich glaube nicht, dass sie mit der nächsten U-Bahn fahren wollen. Wollen Sie nicht lieber mit uns kommen und sich ausruhen?“ lässt sich der Obdachlose glücklicherweise bereitwillig mitnehmen. Dann kommt meine U-Bahn.

Alles richtig gemacht? Eine echte Heldin hätte wohl doch gleich selbst versucht dem Mann auf die Beine zu helfen, oder hätte mindestens großen Radau darüber gemacht, dass so viele zwar hinsahen, aber kaum jemand etwas tat. Na ja, immerhin hab ich mein kleines Scheffelchen dazu beigetragen dass die Situation glimpflich ausging. Und nun wieder zurück zu meiner ewigen Gewissensfrage, ob ich wirklich jedem Bettler etwas geben sollte oder nicht …