Eine ökumenische Gemeindereise: Waldenser-Täler und Partnerschaft Alba

unsere Reisegruppe

Bericht von Helga Beeler,

10. September 2011

 

Dieser Tage kehrten 46 Mitglieder der Luther-Gemeinde, der St.Klemens-Gemeinde und des Gustav-Adolf-Werks von einer ökumenischen Gemeindereise in die schöne Landschaft des Piemont zurück. Ziel waren die Rückzugsorte der im 12. Jahrhundert entstandenen vorreformatorischen Glaubensbewegung der Waldenser in den teilweise schwer zugänglichen Bergtälern der cottischen Alpen (Pellice-Tal, Germanasca-Tal, Angrogna-Tal). Der zweite Teil unserer Reise galt unserer Partnerschaft Alba. 1984 wurde die offizielle Partnerschaft begründet, jedoch bestanden schon viele Jahre zuvor durch die Deutsch-Italienische Gesellschaft intensive Verbindungen. Die schöne Hügellandschaft der Langhe mit Kirchen, Schlössern und Weinbergen erfreute Herz und Sinne!

 

Zwei Tage war das waldensische Gästehaus mit idyllischem großen Garten kurzzeitige Heimat, dann logierte man im Katholischen Gästehaus der Diözese Alba im hoch gelegenen Ortsteil Altavilla – inmitten von Weinbergen mit weitem Blick ins Land.

 

In Turin war eine Stadtführung geboten, wo im alten Schloss – heute Museum – 1861 die erste Republik ausgerufen wurde und bis 1864 das erste italienische Parlament tagte. In der Kirche San Lorenzo war eine Kopie des berühmten Turiner Grabtuchs zu besichtigen mit Erläuterungen nach neuestem wissenschaftlichen Stand.

 

Dank der gut geplanten Reise des Organisationsteams mit Pfarrer Falk Schöller, Jugendreferent Johannes Söhner und unserer Übersetzerin Angelika Genitheim wurde den Teilnehmern Einblick in viele Bereiche verschafft.

 

Die Waldenser – eine kleine Gemeinschaft mit großer Ausstrahlung

Im 5000-Einwohner-Städtchen Torre Pellice im Kernland der Waldenserorte erläuterte die Vizerektorin auf Deutsch die Probleme der Waldenser Privatschule, die ohne jegliche Unterstützung ihre Arbeit leistet, das einzige evangelische Gymnasium in ganz Italien übrigens. Der Waldenserpfarrer Bilion führte in perfektem Deutsch durch das dortige Waldenser-Museum, hatte er in den Sechziger Jahren doch in Bonn studiert und brachte die oft leidvolle Geschichte seiner Glaubensgemeinschaft temperamentvoll und emotional an seine Zuhörer.

 

Im Wintersportort Prali erlebte man eine eindrucksvolle Führung im hoch über dem Ort thronenden Ökumenischen Begegnungszentrum AGAPE (=Liebe) auf 1600m Höhe, das 1947 von der Waldenserkirche geplant und 1951 eingeführt wurde als ein Versöhnungszeichen nach dem 2. Weltkrieg. Die von Architekt Leonardo Ricci in die Berglandschaft geschickt eingepasste Anlage mit wenigen Materialien (Stein, Holz, Glas) ist heute noch Stätte lebendigen Austausches zwischen allerlei Gruppierungen und gut ausgebucht, wie die Direktorin, eine waldensische Pfarrerin, erläuterte. In Prali selbst wurde die erste Waldenserkirche von 1556 besucht, heute ein kleines Museum, und ebenso die 1962 entstandene „moderne“ Kirche aus heimischem Gestein, begleitet und erläutert vom Waldenser Pfarrer der örtlichen Gemeinde.

 

Besonders eindrucksvoll im Angrogna-Tal die Wanderung zu den einsamen Bergdörfern der Waldenser. Die kleine Schule von Odin-Bertot wurde wie viele Dorfschulen einstmals mit Hilfe von niederländischen, schottischen, englischen, schweizerischen und deutschen evangelischen Christen erstellt. Hervorzuheben ist: Die Waldenser legten größten Wert auf Wissen für Knaben und Mädchen; ihre erste Fibel war die Bibel in ihrer Sprache. Frauen waren von Anfang an gleichwertig ausgebildete Pfarrerinnen, eine überaus emanzipatorische Bewegung. Den Frauen, die sich als Lehrerinnen, Missionarinnen, Ausbilderinnen in vielen Bereichen verdient gemacht hat, ist sogar ein eigenes Museum gewidmet

 

Eindrucksvoll ist auch der Platz in Chanforan mit Gedenkstein an den 12. September 1532, wo sich eine Waldenser-Versammlung sechs Tage lang demokratisch beraten hat und an den Berghängen campierte: ein Beschluss war zu fassen, ob sie sich der Reformation anschließen  oder eigenständig bleiben sollten. Die Mehrheit entschloss sich für den Zusammenschluss mit anderen reformierten Gruppierungen. Die zahlreichen Höhlen, in denen sich die Menschen bei Glaubensverfolgungen durch die Inquisition versteckt halten konnten und Gottesdienst feierten, berührten besonders. Dank gebührt dem Waldenser-Pfarrer Stefano Bonnet, der um 1930 diese Stätten und Plätze durch Wege und Gedenktafeln verband und so der Menschen gedachte, die ihren Glauben leben mussten unter ihrem Motto: „Lux lucet in tenebris“ – Licht leuchtet in der Finsternis. In diesen Bergen und Höhlen versteckten sich im 2. Weltkrieg auch Partisanen – was harte Übergriffe deutscher Soldaten zur Folge hatte – z.B. wurden Teile von Prali wurden angesteckt.

 

Ein Informationsabend war der Jugendarbeit im Pellice-Tal gewidmet: evangelische Jugendarbeit in dünn besiedelten Bergdörfern ist eine herausfordernde und spannende Arbeit. Mit glänzenden Augen berichteten die drei Jugendreferenten, übersetzt von einer Schülerin des Waldensergymnasiums.

 

Über den Ursprung der Waldenser im 12. Jahrhundert und ihren Gründer Petrus Waldus aus Lyon und die 1700 wegen ihres Glaubens Vertriebenen, die mit ihrem Pfarrer Henri Arnaud 1698 im Herzogtum Württemberg eine neue Heimat fanden, Orte wie Perouse, Neuhengstett, Pinache usw. gründeten und die Kartoffel ins Ländle brachten, referierte Helga Beeler während der Busfahrt.

 

Begegnungen in unserer Partnerstadt Alba

Im Rathaus Alba erhielten die Böblinger einen freundlichen Empfang durch den Vizebürgermeister, der seine Stadt vorstellte, die anschließend mit ihren schönen Bauten und Stadttürmen besichtigt wurde. Gewaltig empfand man den Duomo mit seinen Schätzen und dem kunstvoll geschnitzten Intarsien verzierten Chorgestühl.

Begegnung La Moretta

In der Stadtteilgemeinde La Moretta im Ortsteil Borgo wurde Rast gemacht und Pater Luigi stellte seine Kirche vor – und die Gemeindearbeit. Auch der Markt wurde durchstreift. Das Priesterseminar mit seinen diversen Bauteilen und eigener Kirche wurde besichtigt und die St. Domenica-Kirche, heute Museum der Famija Albeisa, dem sehr rührigen Albeser Heimatgeschichtsverein.

Barolo-Erzeugung

Natürlich wurde jeden Tag Andacht gehalten, ein wenig gewandert, Eindrücke ausgetauscht, Vergleiche angestellt, Gymnastik gemacht, ein langes Abendessen im Freien zelebriert, bei Gelegenheit gesungen, die Technik des Fahnenschwingens studiert als Abendüberraschung – und auch große Weinprobe gehalten. Angelika Genitheim hat mit ihren Kontakten und ihren Italienischkenntnissen viele Türen aufgestoßen und tiefe Einblicke ermöglicht.

 

Es war ein weiter Bogen von den reformierten Waldensergemeinden im Pellice-Tal zur katholischen Welt in der Partnerschaft Alba. Alles in allem: eine wunderbare Reise in bester ökumenischer Gemeinschaft!

 

10. September 2011

Helga Beeler

 

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