Flyer. :-) (pdf - 431 KB)
Das naechste wirklich einschneidende Ereignis ereilte uns in Gestalt der Einladung zu einer Verlobung auf dem Lande, d.h. in einem Dorf im tiefsten Tamil Nadu, wo es noch nicht ueberall Strom, Wasser und geschweige denn sonstige lebensunterstuetzende Ein-richtungen gibt. Die Verlobung wurde unter grosser Beteiligung von jesuitischer Seite (familiaere Bezie-hung) begangen. Der Verlobte ist ein junger, ueberaus sympathischer, superintelligenter Hochschulprofessor (in Chennai), der leider mit gleich 2 Stigmas behaftet ist: erstens ein Dalit und zweitens behindert zu sein (hat vor Jahren durch einen Autounfall ein Bein ver-loren). Vier Jahre lang suchte die Familie verzweifelt nach einer passenden Frau fuer ihn, er wurde von 17 Familien aufgrund obiger „Umstaende“ immer wieder
abgelehnt. Warum nun diese Frau (uebrigens eine Lehrerin aehnlicher Herkunft) einer Hochzeit zugestimmt hat, ist uns nicht klar geworden; moeglicherweise muss ihre Familie dadurch weniger Brautgeld fuer sie bezahlen. Aber man stelle sich das vor, was es bedeutet, aufgrund bestimmter Umstaende als Mensch immer wieder abgelehnt oder dann wie eine Ware als Hochzeiter angeboten zu werden - einfach schrecklich. Auf alle Faelle konnte es der Verlobte kaum glauben, dass wir als Auslaen-der sein Ereignis mitfeiern und ihm dadurch solche Ehre erweisen wollten. Die ganze Familie war fuer unsere Anwesenheit dankbar und uebergluecklich. Wieder einmal waren wir Zeugen dafuer, dass nicht einmal ein glaenzender beruflicher Aufstieg das Dalitstigma aufloest und das unter Katholiken! Wozu sind wir dann alle getauft? Die koerperliche Behinderung ist darueberhinaus solch ein grosser Makel bei einem Menschen, dass man am besten garnicht darueber spricht oder den Mensch vom gesellschafltichen Leben weitestgehend ausschliesst. Mich hat das alles sehr bedrueckt.
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Auch unsere neue Gaertnerfamilie mit zwei kleinen Kindern ist von der Kaste der Unberuehrbaren. Unser neuer Teamleiter hat ein verwahrlostes kleines Gebaeude auf dem Campus kurzerhand herrichten und streichen lassen, so dass sie ein frisch gerichtetes Haeuschen beziehen konnten. Dabei mussten immer wieder Schlangen aufgestoebert, ausgeraeuchert oder totgeschlagen werden, damit den Umstaenden ent-sprechend sicheres Wohnen garantiert ist. Dass so ein kleines Prachtexemplar von der giftigen Kobra stammt, kaum zu glauben.
Die Familie ist mit Putz-, Aufraeum-, und landwirt-schaftlichen Arbeiten auf dem Campus betraut und soll die brachliegenden Flaechen (mehrere Hektar) in den naechsten Monaten einer dauerhaften landwirtschaft-lichen Nutzung zufuehren, damit wir endlich Gemuese, Reis, Obst oder was auch immer selbst erwirtschaften oder ggf. die Ernte verkaufen koennen. Auch die Reali-sierung dieses Projektes haette mich sehr angesprochen und laesst den Gedanken hochkommen, wirklich ein Jahr zu frueh nach Indien gekommen zu sein.

Aber wer weiss, jeder von uns beiden hat in jedem Fall auf seine eigene Art hier Dienst geleistet.
Waehrend Turgay vor allem in technischer Hinsicht gefragt war, kamen bei mir der „interne“ Sozialdienst sowie meine Sprachkenntnisse zum tragen. Neben Englisch im Schulunterricht hatte ich unter den Jesuiten selbst lernfreudige Deutsch- und Franzoesischschueler. Es ist schoen, nicht nur die Solaranlagen auf unserem Schul- und Wohngebaeude erstehen zu sehen, sondern nun auch unterschiedliche Sprachen in unserer Residence vernehmen zu koennen. Und jeder Besucher, seien es Jesuiten oder andere, wird nun mit dem Erlernten konfrontiert.
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Was wir insgesamt in all den Monaten unseres Aufenthaltes hier sehr geschaetzt haben, war die unein-geschraenkte Akzeptanz eines muslimischen Gastes (Turgay), die soweit gefuehrt hat, dass er schon als Neuzugang bei den Jesuiten gehandelt wurde. Der von der Chennai Mission proklamierte Ansatz des interreligioesen Dialogs wird in der Tat gelebt und war im Alltag stets fuer uns erfahrbar. Die Integration der weiblichen Jesuita (Mary) gestaltet sich etwas zoegerlicher, wenngleich vereinzelt nun Ansaetze fuer eine freundliche Wahrnehmung zu erkennen sind, wie das nachstehende Gruppenbild mit Dame beweist. Wahrscheinlich kann man das „maennlich orientierte“ Indien und noch dazu eine religioese Gemeinschaft nicht im Sturm erobern. Alles braucht und hat seine Zeit, wie schon Kohelet im Alten Testament sagt. Und unsere „Jesuitenfamile“ hier in Ranipet muss ich in der neuen Zusammensetzung wirklich loben angesichts der spuerbaren Herzlichkeit
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Das Abenteuer Tamil Nadu/Indien findet mit diesem stolzen farbenpaechtigen Geschoepf sein Ende und zum letzten Male sagen wir
APPURAM PAARKALAM
Eure/Ihre
Mary und Turgay
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In der Schule werden, aehnlich wie in Ranipet, Dreher, Schweisser und Schreiner im sog. dualen System (also schulischer Unterricht und parallel handwerkliche Unterweisung in den Lehrlingswerkstaetten) aus-gebildet. Die Werkstaetten sind gleichzeitig Produktionsstaetten, wo insbesondere Holztische, Baenke, Eisenstellagen, allerlei Schmiedearbeiten etc. fuer Schulen, Verwaltungen und Privatleute als Auftrags-arbeit gefertigt werden. Zusaetzlich unterhalten die Jesuiten hier eine Fahrschule, deren Gebuehren zu-sammen mit den o.a. Auftragsarbeiten den Unterhalt der Schule und des Hostels (60 Azubi = Hostelboys) sowie den Lebensunterhalt der Jesuiten-Community abdecken muessen. Dem ganzen Campus und Wohn-bereich sieht man an, dass dies trotz sparsamster Bewirtschaftung und Lebensfuehrung wohl nicht immer gelingt. Auch wir haben hier im Vergleich zu Ranipet „unseren Guertel hinsichtlich Unterkunft und Ver-pflegung noch enger geschnallt“. Und dennoch erfreuen uns soviele Dinge hier wie z.B. das wochenlange Schlafen ohne Moskitonetz, keine schweisstriefenden Tage und Naechte und vor allem der allmorgend-liche freundliche Gruss dieses reizenden Braunviehs direkt vor unserem Badfenster.
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Es gaebe so viel zu berichten ueber das Leben hier in den Nilgiri-Bergen, aber wir picken einfach ein paar Besonderheiten heraus, die wir zu Hause gerne in weiteren Gespraechen vertiefen koennen. So leben bei-spielsweise in der Nilgiri-Region noch heute 6 verschiedene Staemme der in Tamil Nadu ansaessigen 32 Bergvoelker, die sog. Tribals. Eine zufaellige Begegnung mit dem Leiter des Tribal-Forschungszentrums brachte uns eine Einladung zu einem Kulturfestival der Tribals ein. Anscheinend ist es seit 15 Jahren zum 1. Mal gelungen, verschiedene Bergstaemme zusammenzubringen. Wir konnten als einzige auslaendische Ehrengaeste einen ganzen Tag lang in Freiluftatmosphaere im Nilgiri-Hinterland verschiedenste Taenze und Gesaenge etlicher Bergstaemme bewundern. Einige praegnante Gesichter, Haar- und Kleidertrachten sind auf den nachfolgenden Bildern zu sehen.
Bereits zu Kolonialzeiten pflegten die Toda einen engen Kontakt zu den Briten, was moeglicherweise der Grund dafuer ist, dass sie in der heutigen Gesellschaft weitestgehend integriert, wirtschaftlich aktiv und ausgebildet sind. Unter ihnen finden sich viele Grundstuecksbesitzer (Landlords) und Eigentuemer von Teeplantagen. Die meisten Mitglieder der anderen Bergstaemme schweben zwischen zwei Welten, wobei sie weder ihre originaere Kultur bewahren noch sich in der „anderen“ indischen Welt zurechtfin-den koennen. Gegenwaertig werden von der Regierung Tamil Nadus Anstrengungen unternommen, den Kindern mittels mobiler Schulen (Lehrer fahren woechentlich die Bergdoerfer ab) lesen und schreiben beizubringen. Ausserdem wurden an zentralen Bergorten Schulen mit Unterbringungsmoeglichkeiten errichtet, in denen die Kinder mehrerer Doerfer gesammelt und unterrichtet werden. Die Mitarbeiter des Tribal-Forschungszentrums fahren immer wieder alle Bergdoerfer ab und bieten Abende/Vortraege zu Gesundheitsthemen, Jobmoeglichkeiten, zur Veraenderung/Modernisierung des Lebensalltags, Alkohol-praevention, Vermarktung von handwerklichen Arbeiten etc. an. Interesse und Bedarf sind gross.
Waehrend die aeltere Generation ihren Lebensunterhalt noch als Toepfer, Gold-/Silberschmid, Flechter, Elefantentreiber, Kraeuter-/Wurzel-/Honigsammler verdiente, arbeiten diese Menschen heute oft als Tageloehner in Teeplantagen, als Bauarbeiter im Strassen-/Hausbau oder haengen (alkoholabhaengig) herum. Umso positiver fanden wir die Beteiligung und das Interesse so vieler Staemme an dem Kultur-programm, wo sie ihre Herkunft und ihr kulturelles Erbe stolz praesentieren konnten. Zumindest in diesen Stunden war der traurige Lebensalltag verdraengt.
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Liebe Indienfreunde und –interessierte,
Ereignisse sind erfahrungsgemäß relativ kurzlebig; wahrscheinlich haben die meisten von Euch/Ihnen beispielsweise die Ostertage bereits wieder „abgelegt“. Das ist bei uns nicht anders, dennoch können wir dank unseres Berichtes manche Anlässe nochmals ins Gedächtnis zurückholen und eines 2. Blickes würdigen.
So halten wir dieses Mal die Osterwoche für erwähnenswert – beginnend mit der Palmprozession, die einem ein klein wenig das Gefühl vom Einzug in Jerusalem vermittelte:
Palmwedel, eine ca. 2-3 km lange Schlange (!) von Gläubigen allen Alters, viele bunte Gewänder, Gebete und Gesang (angeleitet mit den abgebild. Lautsprecheranlagen), Eselchen als Zaungäste am Straßenrand, orientalische Düfte von den Gewürzen der Straßenhändler, Teeshops und Jasmingirlanden etc.
Zum Ausgleich gab es hier in Ranipet im Campus eine besonders schöne Osterbescherung:
Seit genau 01. April 2010 werden alle Lichter und Ventilatoren unserer Schule vollständig mit Solar-energie betrieben. Dank der zugeflossenen Projektspenden unserer Heimatgemeinde St. Michael Höfingen-Gebersheim und vielen privaten Spenderinnen und Spendern konnten wir das Solarprojekt realisieren. Dass wir zwischendurch grösste ängste ausstehen mussten, einer Scheinfirma aufgesessen zu sein, möchte ich nur am Rande erwähnen, denn allein die Anlieferung der Paneele und Batterien wurde genau 8-mal verschoben. Die sonstigen organistorischen, abwicklungstechnischen Umstände des Solarprojektes lasse ich „ad acta“ beruhen, schliesslich zählt das Endergebnis und die Freude aller am Nutzen der unbegrenzten, naturgegebenen Sonnenenergie. Ein wunderbares Ostergeschenk, an dem wir alle zu Hause – wenigstens bildhaft – gerne teilhaben lassen.

Die Solaranlage wurde von unserem Senior-Jesuiten Fr. Vedanayagam gesegnet, von den Schülern mit Räucherstäbchen eingeduftet und mit Sandelholzpuder bestreut. Es war ihnen schwer zu vermitteln, dass wir den Puder anschliessend mit Lappen gleich wieder wegwischten, um das Einbrennen von Rändern durch die sengende Sonne zu verhindern.
Da Turgay zwischenzeitlich in Indien (Gujarat) einen vernünftigen Anbieter von Solaranlagen mit an-gemessenen Preisen gefunden hat, versuchen wir, das Solarprojekt mit den restlichen Spendengeldern noch auf unseren Wohnbereich und/oder das Hostel ausdehnen. Das ist wirklich famos. Innerhalb der Chennai Mission ist Turgay zwischenzeitlich als „Solar Turgay“ bekannt. Er soll nun an einem weiteren Schulstandort der Jesuitenmission (in Kuppayanallur) die Einführung der Solartechnik realisieren.
Vom Alltagsleben in der Schule nun ein Schlenker zum Leben der Kirchengemeinde St. Mary’s in Ranipet. Leider sind wir – ausgenommen der sonntäglichen 6.30 Uhr Messe – nicht in die gemeindlichen Aktivitäten eingebunden. Trotz mehrmaliger Anfragen und Versuche gelingt es nicht, in den „inneren Zirkel“ der indischen Gesellschaft, zu der m.E. auch die Kirchengemeinde zählt, vorzudringen. So bleibt es bei einer äusseren Beschreibung des Gemeindelebens.
Vergleichbar mit unserem System gibt es auch hier einen Kirchengemeinderat unter dem Vorsitz des Gemeindepfarrers. Der KGR ist für den Haushalt, Gemeindefeste, bauliche und strukturelle Angelegen-heiten verantwortlich. Daneben exisitieren mehrere sog. „Sozialarbeits-/charity work“-Gruppen, entweder Fraün- oder Männergruppen, die sich um die verschiedensten Bedürfnisse der Menschen vor Ort kümmern. So werden beispielsweise Kleider gesam-melt und an Bedürftige verteilt, Medikamente organisiert, finanzielle Unterstützung im Einzelfall gewährt etc. Extra Fraüngruppen unternehmen Haus- und Krankenbesuche etc.
Jedes Gemeindemitglied (sog. „parisher“) besitzt ein Familienbuch, in dem Einträge über Familien-stand, Kinder und z.B. auch die Einkommenshöhe enthalten sind. Der Katechist besucht jedes Haus, um die Kirchensteuer in angemessener Höhe einzusammeln. Leider konnte mir niemand einen festen oder prozentualen Betrag dieser Angemessenheit nennen. Der biblische Zehnt und darüber wird aber von den wohlhabenderen Gemeindemitgliedern als selbstverständlich abgegeben. Die Priester werden übrigens von der Diözese besoldet.
In Ranipet mit seinen Teilsiedlungen gibt es insgesamt 22 basiskirchliche Gemeinschaften (basic christian communities), die sich wöchentlich/zweiwöchentlich unter Anleitung eines Laien in einem Privathaus treffen und im Einzelfall bis zu 50 Mitglieder umfassen. Sie entsprechen im weitestens Sinne unseren Bibelteilen- und Gespächsgruppen. Da man übrigens wirklich Knie an Knie auf dem Boden sitzt, ist die Unterbringung so vieler Menschen kein Problem (in schwäbisch: D’leit lasset sich beiga). Darüber hinaus gibts in der St. Mary Gemeinde noch einen Kirchenchor; ein Pfarrbrief mit versch. Ankündigun-gen (aber ohne statistische Zahlen) wird an Ostern und Weihnachten verteilt. Religionsunterricht findet in der Schule (bei kirchlichen Trägern) statt, zeitgleich erhalten die Hindu- und Moslemschüler „moral lessons“. Zusätzlich erteilen vor allem Schwestern, die es übrigens hier in Indien in erheblicher Anzahl und den verschiedensten Orden zugehörig gibt, Bibelunterricht. Auch Laien wie beispielsweise Religionslehrer oder ausgebildete Katechisten geben nach der Sonntagsmesse Bibelunterricht, in dem Gebete,
Lieder, Rosenkranz etc. eingeübt werden. Da es in Indien nach wie vor genug weibliche und männliche Ordensleute als auch Priester gibt, „ermuntern“ die katholischen Bischöfe die Laien nicht, sich als Kommunionhelfer ausbilden zu lassen. Wahrscheinlich würden sie angesichts der hohen priesterlichen Präsenz auch nicht akzeptiert werden. Einmal jährlich bietet die Diözese eine 10-tägige Bibelschule an, vergleichbar mit unseren Bibelwochen. Allerdings sind die Teilnehmer eher Jugendliche und Erwach-sene jeden Alters und der Besuch ist sehr rege. Dies gilt auch insgesamt für die Sonn- und Feiertags-gottesdienste. Grundsätzlich findet täglich eine Messe statt. In jedem Wohngebiet von Ranipet existiert eine kleine Kapelle und auch dort wird täglich alternierend Messe gehalten.
Für viele in Deutschland klingt das utopisch, schaut man allerdings hinter die Kulissen, so bedeutet das, dass beispielsweise diese tägliche Messe teilweise mit nur 3-5 Leuten gefeiert wird. Auch behaupte ich, dass wir in Deutschland der Institution Kirche und ihrem „Personal“ (wie so vielen anderen Dingen im Leben) einfach kritischer gegenüber stehen, nicht mehr alles ungefragt hinnehmen und vor allem in den Priester und Ordensleuten nicht mehr die Autoritätspersonen sehen, die sie vor Jahrzehnten noch darge-stellt haben und sie es hier immer noch sind. Insgesamt erscheint mir die Glaubensausübung extrem traditionell (s. auch fast ausschließlich Mundkommunion) und sie erfolgt mit vielen symbolhaften „Beimischungen“ vor allem der konvertierten Hindu-Christen. Das wiederum ist spannend.
Bis zum nächsten Rundbrief mit unseren Erlebnissen aus Ooty schicken wir viele Sonnenstrahlen nach Deutschland, auf dass der Frühling richtig Einzug halte. Ganz herzliche Grüsse und allen Spenderinnen und Spendern nochmals
ROMBA NANRI (vielen Dank)
Eure/Ihre
Mary und Turgay mit Klein-Blacky
Nach der etwas „schweren Kost der Unberührbarkeit“ wollen wir Euch/Sie noch mit „der Leichtigkeit des Seins“ zum Schmunzeln bringen und einige Anekdoten unseres Alltags erzählen.
Unsere Köchin Sabina fährt wegen wiederkehrender Mandelentzündungen immer wieder mal zur Behandlung nach Hause. Das Ergebnis dieser Behandlungsfahrten ist, dass wir zwischenzeitlich bereits ihre Kleinfamilie hier beherbergen und durchfüttern. Letztes Jahr brachte sie zunächst ihre jüngste Schwester (2mal schon den Hauptschulabschluss nicht geschafft) mit hierher in der Absicht, dass diese dann in einem künftigen Krankheitsfall für uns kochen kann. Leider hat das Mädchen bis heute keine Vorliebe fürs Kochen entwickelt, besucht stattdessen dank der Großzügigkeit der Jesuiten kostenlos die Computerklasse mit allerdings unterdurchnittlichen Lernergebnissen; meinem Englischunterricht kann sie, den Klassenarbeiten nach, wohl gar nicht folgen. Aber sie laesst sich davon nicht irritieren und nimmt die angebotene „Gastfreundschaft“ ohne weiteres in Anspruch. Der letzte Krankheitsausfall Sabinas wurde küchenmässig mit der extra angereisten groesseren Schwester einigermassen abgedeckt. Sie hat sogar EINMAL Küche und Esszimmer geputzt! Es scheint ihr bei uns so gut zu gefallen, dass sie trotz Sabinas Rückkehr immer noch hier ist. Abreisedatum nicht fixiert....
Nicht nur Sabinas Familienmitglieder suchen ein gutes Plätzchen:
Alles Vieh aus umliegenden Siedlungen oder woher auch immer grast sich täglich wohlig in unserem Campus durch, mampft die feinen, neuen Triebe der Kokos und Bananenpalmen ab und zieht dann so gegen 17.30 Uhr (oder manchmal auf Turgays energisches ho ho ho) ab. Leider haben wir ein nach drei Seiten offenes Gelände, so dass einfach jedes Wesen hier rumspazieren kann. Am einzigen Eingangstor zum Campus sitzt der alte Waechter, der sich nicht mehr daran zu erinnern scheint, was eigentlich eines Wächters Pflichten sind. In seiner Freundlichkeit laesst er selbst fremde Leute rein, die dann die Kokospalmen abernten, obwohl wir durch den Verkauf der Kokosnüsse eine kleine Einnahmequelle hätten. Auch Männer und Frauen der angrenzenden Baustelle (Pfeiler der neuen Zuglinie führen durch unseren Campus) haben die Wasserhähne am Schulgebäude und beim Hostel entdeckt. Sie marschieren ungeniert im Campus herum und füllen ihre Wasserkanister auf, waschen sich etc. Erst kürzlich haben wir zufällig entdeckt, dass sich ein paar Männer im 1. Stock unserer Schule ein Nachtquartier eingerichtet haben.
Und dann ist da noch unsere Haustiergemeinschaft, die mittlerweile auf 3 Hundchen angewachsen ist: Ursprünglich war da nur Mr. Ravi, 10 Jahre alt, bekommt schon eine graue Schnauze, kann nicht bellen, nur heulen, verteidigt aber sein Revier lautstark, wenngleich aufgrund seines Alters erfolglos. Er ist vollkommen verbissen und verlaust, aber lieb. Zur Unterstützung hat er eines Tages den kleinen Schwarzen “Blacky“ mitgebracht, der schon ziemlich gewachsen ist und ihn lautstark bellend begleitet. Die gegen-seitige Zuneigung hört allerdings beim Fressen auf. Die Beiden bekommen deshalb an ziemlich weit auseinanderliegenden Stellen ihre Fressration. Und jetzt haben wir da noch den ca. 3 Wochen alten putzigen Welpen Browny, der von seiner Mutter hier abgestellt wurde. Es scheint sich herumgesprochen zu haben, dass unsere Residence ein futtersicherer Platz ist. Sabinas grosse Schwester will ihn dann bei Abreise mitnehmen.

Alle, die unsere Vorliebe für Kaffee und Kuchen kennen, werden über dieses Bild nicht erstaunt sein. Endlich ist uns die Eröffnung des CAFE ERINC auf dem Autoabstellplatz vor unserem Wohnbereich gelungen. Wir haben zwischenzeitlich bereits ein „Upgrading“ durchgeführt und Porzellantassen und einen kleinen Beistelltisch erworben. Sogar unsere Jesuiten haben sich schon umfassend in die europ. Trinkkultur (also auch außerhalb Kaffee oder Tee) einführen lassen.
Mit diesem kleinen Bilderreigen wollen wir uns bis zum nächsten Rundbrief verabschieden. Dabei geben wir gerne den „elephant blessing’ an Euch/Sie alle weiter.
Mit herzlichen Grüßen, Eure/Ihre
Mary und Turgay

Liebe Indienfreunde und –interessierte,
das neue Jahr ist genau 33 Tage alt und damit noch jung genug, um Euch/Ihnen allen ein wirklich gutes, glueckliches, aushaltbares, gesundes und spannendes neues Jahr zu wuenschen. Hier in Ranipet hat es uns seither – und damit im krassen Gegensatz zu Deutschland – ausschliesslich Sonne beschert.

Anknüpfend an unseren Weihnachtsgruss berichten wir heute vorrangig von den Reiseabenteuern der vergangenen Wochen. Nach Weihnachten trieb uns die Sehn-sucht nach weitem Horizont und Meer zunaechst fuer 2 Tage nach Chennai, wo wir uns zum ersten Mal seit unserem Aufenthalt in Indien den Luxus eines Hotelzimmers in der Naehe des Marina Beach leisteten.
Dort am Strand haben wir dann auch die meiste Zeit verbracht. NEIN, nicht mit Baden oder Sonnen, sondern nur mit „Schauen“, denn die unberechenbare Stroemung, Wellen, ziemlich verschmutztes Wasser und insbes. die indische Kultur ermutig-ten uns nicht, ein kuehles Bad zu nehmen. Das bedeuet aber nicht, dass keiner ins Wasser ginge. Im Gegenteil: der Strand ist richtig bevoelkert mit Maennern, Frauen, Kindern jeden Alters, die in „voller Montur“ bis zu den Knien bzw. ganz Wagemutige bis zum Bauch ausgelassen im Meer plantschen. Eine wahre, und wie gesagt stundenlange Freude, diesem Treiben zuzusehen.

Die Praesentation der neuesten Bade-mode ist allenfalls an touristischen Plaetzen wie Goa und teilweise Kerala angebracht. Noch ist unser Anpassungs-prozess an die hiesige Kultur nicht soweit fortgeschritten, dass wir es den Indern gleichgetan haetten und nach dem Umspuelen mit sandig brauner Meeres-bruehe auch noch stundenlang mit nasser Unterwaesche und Oberklamotten rumlaufen wollten.
Das Abenteuer Chennai erreichte dann fuer uns „Landpomeranzen“ aus Ranipet beim Bummel in Chennais neuestem Shopping-Center dergestalt seinen Hoehepunkt, dass wir nach 3,5 Monaten zum ersten Mal einen richtigen Cappuccino und Espresso genossen. Nichts hat je koestlicher geschmeckt! Ansonsten herrschte aufgrund der freien Festtage und vieler Sonderangebote noch mehr Rummel und Betriebsamkeit als ueblich. Ganz wichtig ist es, mit moeglichst vielen Saris, Kurtas und vor allem Schmuck im Alltag aufmarschieren zu koennen. Das ist ein Zeichen von Wohlstand und ich werde immer unglaeubig, fast mitleidig angesehen, wenn ich bei der Frage nach der Anzahl der gekauften Kleider abwinke. Man hat mir nun bereits zum zweiten Mal Modeschmuck geschenkt, damit ich nicht so poor (arm) aussehe. Insgesamt befindet sich die Wirtschaft Tamil Nadus im Aufwind. Es wird konsumiert, gekauft, gegessen, vergnuegt und gereist, jeder nach seinem Masse. Reisen bedeutet hier wohlge-merkt immer Familienausflug; eine Oma ist todsicher immer dabei. So gibt es beispiels-weise im Zug oder Bus ein staendiges Plaetzeruecken, bis alle beisammen sitzen. Das muss notwendigerweise auch so sein, denn ueber kurz oder lang wird das mitgebrachte Essen ausgepackt und verzehrt. Waehrend das Gepaeck von Auslaendern (vor allem die grossen Tramperrucksaecke) neugierig beaeugt wird, staunen wir unsererseits am indi-schen Reisegepaeck, das viele kleine Toepfchen, Schuesselchen (also unsere Tubberware) und Bananenblaetter enthaelt. Letztere dienen dann als Essunterlage.

Unsere naechste Reiseetappe fuehrte uns der Kuste entlang weiter suedwaerts nach Mahabalipuram mit seinen wunderschoenen Tempelanlagen. Der zum UNESCO-Weltkulturerbe erklaerte „Shore-Tempel“ liegt exponiert auf einer ins Meer ragenden Landzunge; seine weitere Besonderheit liegt in dem 10-fachen Eintrittspreis fuer Auslaender gegenueber Indern. Das fanden wir deshalb so ungerecht, weil viele sehr wohlhabende indische Familien und Reisegruppen z.B. aus Nordindien oder auch aus USA sicherlich denselben hohen Eintrittspreis bezahlen koennten.
Waehrend unserer Tage in Mahaballipuram fand ein indisches Tanzfestival statt und wir entschieden uns fuer zwei bestimmte Tanzvorfuehrungen aus dem Bundes-staat Kerala (Sueden) und Punjab (Norden). Das Programm wurde dann allerdings „ausnahmsweise“ geaendert. Wir hatten trotzdem unser Vergnuegen an dem farbenfrohen Spektakel.
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Und als 3. und letzte Etappe unserer Neujahrsreise erreichten wir Pondicherry, deren franzoesische Vergangenheit noch heute stolz praesentiert wird. So gibts dort in einem kleinen Viertel Strassenzuege mit franzoesischen Namen, nette kleine franz. angehauchte Restaurants und Bars, sogar eine Baeckerei mit frischen Croissants und Baguette. Der Uebergang von den fuer Touristen hergerichteten 3 Strassenzuegen ins indische Viertel der Stadt ist fliessend und grass. Waehrend „Kleinfrankreich“ taeglich gereinigt wird, die Hausfassaden bemalt und Bepflanzungen angebracht werden, findet man sich ab dem 4. Strassenzug im allgegenwaertigen Dreck wieder.
In Pondicherry verbrachten wir auch die Neujahrsnacht unter Menschenmassen entlang der Uferpromenade. Puenktlich um Mitternacht setzte – bei erheblicher Polizeipraesenz – Geknalle und Boellerei ein; nach 1 Std. war der Spuk dann vorueber. Am Neujahrstag verlief eine Wohltaetigkeitsralley mit Auto-rickshaws durch Pondi. Turgay und ich liessen es uns nicht nehmen, wenigstens bildmaessig daran teilzunehmen.

Kaum zurueck in Ranipet, standen bereits 1 Woche spaeter die 5-taegigen Pongal-Ferien an. Pongal ist das ausschliesslich in Tamil Nadu zu Beginn des neuen Jahres gefeierte Erntedankfest der Hindus, an dem massenweise Pilger zu ihren heiligen Pilgerstaetten unterwegs sind, um fuer die reiche Ernte zu danken. Ein Tag dient speziell der Ehrung der Tiere, die mit ihrem Einsatz auf den Feldern ihren Teil zur Ernte beitragen. Sie bekommen neue bunte Stricke um den Hals, ihre Hoerner werden farbenfroh bemalt und mit Gloeckchen und Girlanden geschmueckt.
Turgay und ich besuchten waehrend dieser Zeit zwei unserer Volunteers in Bangalore und man muss feststellen: Willkommen in der grossen westlichen Welt mit saemtlichen gaengigen Modemarken, Autos, Geschaeften etc. Uns fiel zu allererst auf, dass dort alle Menschen mit Schuhen herumlaufen, denn bei uns auf dem Lande laeuft man entweder barfuss oder mit Badelatschen. Auch die Frauen trugen selbstbewusst Hosen, Jeans, enge T-shirts und kurze Kurtas, was in Ranipet undenkbar waere. Und noch viele andere Gegensaetze waren augenfaellig, z.B. → die Beregnung von Statuen in Bangalore (dort scheint kein Wassermangel zu herrschen), waehrend unsere Tamilen in den Fluechtlings-camps ueber einen erst kuerzlich installierten Wassertank gluecklich sind (von den Dorfbewohnern auf dem Lande ganz zu schweigen!), → unterschiedliche Kaffeegenuesse und –kulturen, → Wohlstandsgefaelle und Konsumpracht etc.
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Bei all den erwaehnten Ferien und freien Tagen ist es nicht verwunderlich, wenn die Schueler kaum mehr in Lernlaune zu bringen sind. Manche sind seit den Ferien ueberhaupt nicht mehr erschienen, andere nehmen sich die Freiheit, erst mal mit ein paar Schultagen anzufangen etc. Seit 2 Wochen schon fallen taeglich bis zu 6 Schulstunden aus, weil schon wieder fuer das Mitte Februar stattfindende Schulfest geuebt wird. Tanzen und Theater als Pflege des Kulturgutes hat gegenueber dem Lernen absolut Vorrang; fuer uns in diesem Ausmass nicht nachvollziehbar. Alle ausserschulischen Aktivitaeten wie das derzeitige Angebot von Fahrschulunterricht (Motorrad und Auto) werden rege angenommen, auch wenn dadurch wieder Unterricht ausfaellt.
Was gibts sonst noch in Kuerze zu berichten?
Am 26.01.2010 war Republikday in Indien, d.h. morgens um 7.00 Uhr versammelten sich unsere Hostelboys im Schulhof, nach dem Gebet durfte Turgay die indische Flagge hissen (das ist nun wohl schon der 1. Schritt hin zur indischen Staatsbuergerschaft!) und anschliessend wurde die Nationalhymne gesunden. In groesseren Staedten erfolgten Umzuege mit Musik, Tanz, Ansprachen etc.
Ich hatte zwischenzeitlich die ehrenvolle Aufgabe bekommen, ein Buch unseres verantwortlichen Jesuiten in Chennai, Fr. Francis, ins Deutsche zu uebersetzen. Es gibt recht erschreckende Tatsachen ueber die gesellschaftspolitische und vor allem kirchliche Alltagswelt der Unberuehrbaren (Dalits) wieder. Die Uebersetzung war eine enorme und zeitraubende Herausforderung fuer mich, soll jetzt aber als Vorlage bei der Deutschen Bischofkonferenz praesentiert werden.
Vor zwei Wochen fand zum allerersten Mal ein gemeinsamer Ausflug aller Community-Mitglieder statt. Wir hatten mehrfach unser Anliegen vorgetragen und waren echt gluecklich, dass einmal ein Gemeinschaftserlebnis moeglich war. Die ganze Tagesplanung und –organisation drehte sich ums Essen, d.h. erst nachdem die Oertlichkeiten fuer Fruehstueck, Mittag- und Abendessen feststanden, wagten wir die Frage, was denn sonst noch so unternommen wuerde. Fuer das „sonstige Rahmenprogramm“ waren wir dann zustaendig, wenngleich aufgrund der kulinarischen Fixpunkte kaum mehr Zeit fuer etwas anderes uebrig war. Letztlich schafften wir es noch bis Mahabalipuram, wo – anstelle der Tempelbesichtigungen (unsere Jesuiten haben sie noch nicht gesehen) genau 1,5 Std. Zeit fuer das eingangs beschriebene Wasservergnuegen verblieb. Insgesamt war es trotzdem ein gelungener und entspannter Tag. Wir werden sicherlich ein anderes Mal wieder solch einen Community-Ess-Picknick-Ausflug anregen.

Und zu guter Letzt:
Unser Freund und Hoefinger Gemeindemitglied Rudolf Hoyler hat uns in Ranipet besucht. Das war wirklich eine Freude. Wir holten ihn direkt vom Flughafen ab und er konnte 3 Tage indisches Alltagsleben pur erleben. Nun ist er fuer 1 Woche auf Reisen; die letzten beiden Tage vor seinem Abflug nach Deutschland werden wir uns nochmals treffen und in Chennai und Umgebung verbringen. Vielleicht finden sich Nachahmer????
In diesem Sinne herzliche Einladung und hearty welcome in Indien. Bis dann also,
Eure/Ihre
Mary und Turgay
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alle bisherigen guten Erlebnisse und Erfahrungen in der neuen Welt,
alle schwierigen Situationen, in denen wir auf SEINE Hilfe bauen konnten,
alle Menschen, die gedanklich mit uns in Indien weilen,
alle Freunde und Bekannte zu Hause, die durch die Uebernahme von Aufgaben und Diensten uns diesen einjaehrigen „Ausstieg“ mit ermoeglichen,
fuer alle Jesuitenvaeter und-brueder, die uns im Rahmen ihrer Moeglichkeiten jede entsprechende Hilfestellung zukommen lassen.
Die Jungs (unter Mithilfe des Schulleiteres Fr. Arul) haben zwei recht verwilderte Geländeabschnitte hinter der Schule und neben den WErkstatträumen mit großem Eifer bearbeitet, allen Wildwuchs herausgerissen, gehackt und Sand zum Ebnen herbei geschleppt.
Zwischenzeitlich ist nicht nur das Volleyballfeld bespielbar, auf der Fläche daneben wird begeistert Fußball gespielt und ein weiteres Badmintonfeld wird noch hergerichtet. Bei einem Shoppingausflug nach Chennai konnten alle notwendigen Sportartikel wie Volleyball/Badmintonnetze, mehrere Bälle, Federballschläger etc. erwerben. Das war für die Schüler wie Weihnachten und wir wurden bei der Versammlung im Schulhof mit Blumengirlanden geehrt, stellvertretend für alle Menschen zu Hause, mit deren Spendengeldern wir diese Anschaffungen tätigen konnten.
Ranipet zählt wirklich zu den 9 (oder 5?) verschmutztesten Orten der Welt! Hiervon betroffen sind die Luft und das Grund/Trinkwasser. In unserem Wohngebäude wird das Wasser 3x gefiltert, damit es trinkbar ist. In der Schule und im Hostel existieren bisher keine entsprechenden Anlagen. Das bedeutet, dass beispielsweise vor Unterrichtsbeginn erst mal eine Abordnung des Personals und der Schüler zu uns in den Speiseraum marschieren, um sich flaschenweise den Tagesbedarf an Trinkwasser abzufüllen. Das ist natürlich für unsere Hostelboys nicht möglich. Sie trinken das im Hostel verfügbare (miese) Wasser. Dementsprechend hoch ist die Erkrankungsquote. Wir haben deshalb mit absolutem Vorrang die Spendengelder in ein Trinkwasseraufbereitungssystem, das hier im Wohntrakt installiert werden soll, investiert. Hierzu wurden zur Prüfung der Wasserqualität von einem Spezialisten an verschiedenen Stellen Wasserproben gezogen und untersucht. Danach mußten von unserem Wohnbereich aus zum Schulgebäude und zum Hostel insgesamt 400 m Gräben gezogen und Leitungen verlegt werden. Auf dem Dach unseres Wohngebäudes wurde dann mit Zement eine Einfriedung für die Filteranlage gemauert. Die Jungs haben teilweise als Strafarbeit oder als Gemeinschaftseinsatz nach Schulende, an den Wochenenden und tageweise sogar nachts bis 01 Uhr ganz schön hart gearbeitet. Aber sie sind ganz happy und dankbar, dass sie sauberes Trinkwasser bekommen.
Und was gabs Ereignisreiches in der Schule?
Die Schüler konnten beim sog. „Cultural Competition“ ihre Talente beim Einzel und Gruppengesang, Volkstanz (s. Bild), modernem Tanz, Schauspiel, Quiz, Zeichnen und Debattieren unter Beweis stellen. Angesichts der geringen Vorbereitungszeit von nur 2 Wochen und den extrem begrenzt zur Verfügung stehenden Materialien grenzte es für uns an ein Wunder, was diese Schüler hier auf die Beine stellten. übrigens können wir beobachten, dass durch Wettbewerbe und Quiz der kleine Funken Ehrgeiz in den Jungs und den paar Mädchen zu wecken ist. Am Ende wurden dann die in großer Anspannung erwarteten Sieger der jeweiligen Einzel und Gruppendisziplinen am schwarzen Brett bekannt gegeben. Schön zu beobachten dabei war, dass enttäuschte Schüler keineswegs die Bewertungen hinterfragen oder sich gar beschweren. Sie freuten sich für den beßeren Kameraden, sofern er in derselben Fachklasse ist. Konkurrenz herrscht grundsätzlich eher zwischen den Fachklaßen.
Die Attraktivität von Wettbewerben ist nicht zuletzt aufgrund der großzügigen Preise, die die Jesuiten den ersten 3 Einzel und Gruppensiegern verleihen, gegeben. So gibt es beispielsweise Haushaltsgegenstände aus Aluminium wie Essteller, Schalen, Vesperdosen. Für die meisten Familien sind das wertvolle Dinge, die nur ganz begrenzt im Haushalt zur Verfügung stehen. Außerdem wird hierdurch für viele Eltern sichtbar, dass ein Schulbesuch der Kinder lohnenswert sein kann
Als zweiter wichtiger Wettbewerb wurde der „Sport Competition“ durchgeführt. Hierfür rodeten die Jungs tagelang wirklich in Schwerstarbeit das ganze Gelände neben unserem Wohnbereich, um dann Weitsprung, 100 + 200-m-Lauf, Staffellauf, Weit und Speerwurf, Volleyball, Fußball und Tischtennis (mangels Schläger wird der Ball geblasen! siehe Bild) zu praktizieren.
Die Mädchen hatten die Disziplinen Ringball, 100-m-Lauf, Staffellauf, Weit und Speerwurf sowie Ballwurf in einen am Boden stehenden Korb. Mit einer witzigen Schnitzeljagd auf dem Gelände für alle Schüler war der Sportwettbewerb beendet.
Übrigens wurde, sehr zum Spaß der Schüler,ein Badminton-Match des Lehrpersonals ausgetragen, an dem auch Turgay und sensationell die M’am, also ich, teilnahmen. Leider hat unser Schulleiter Fr. Arul mich als Partnerin gezogen, hat uns aber tapfer ins Finale gebracht. Dort haben wir dann ausgerechnet gegen Turgay und Bruder Michael haushoch verloren.
Der Abschlusstag der Sportwoche mit allen Siegerehrungen glich annähernd einem olympischen Ereignis mit Einmarsch, mit Flagge hissen, Nationalhymne singen, olympischem Feuer in einer Schale entzünden etc. Wieder einmal waren wir über alle Maßen fasziniert, was hier mit dermaßen limitierten Mitteln und vor allem in welch kurzer Zeit zustande gebracht wird. Es finden keinerlei Meetings für Absprachen statt und trotzdem klappt es irgendwie.
Im Bild: Turgay überreicht Jayamalithi aus meiner Klasse den 1. Preis beim 100-m-Lauf (Mädchen).

Es gäbe noch Vieles mehr zu berichten, z.B. dass es hier beispielsweise keinen Advent unserer Gepflogenheit gibt. Turgay und ich haben schließlich nach langer Suche in Chennai 4 Kerzen zur Gestaltung einer Adventsschale gefunden. Dank lieber Päckchen aus Deutschland steht nun unser Adventsteller, geschmückt mit ein paar Nüssen, Weihnachtsräucherkerzen, dem Anderen Adventskalender (Lebkuchen und Christstollen wurden leider grausames Opfer indischer Beförderungßtruktur) in einer Ecke unseres Eßraumes. Morgens und abends zünden wir tapfer die Kerzen an, die keine große Beachtung bei unseren Jesuiten finden. Aber so sind eben die Kulturen verschieden.
Trotz des morgendlichen Geklapper von Töpfen und Pfannen aus der Küche nebenan (warmes Frühstück wird bereitet), der schrillen, lauten indischen Musik vom gegenüberliegenden Hosteltrakt und den „eifrigen“ Innenhof kehrenden Jungen gelingt es uns morgens, ein paar Minuten mit guten Gedanken und Texten abzutauchen (zwischenzeitlich beim 2. Adventslichtlein).
Nun wünschen wir Euch/Ihnen alle noch zwei gesegnete Adventswochen und sagen für alles einfach
ROMBA NANRI
Vielen Dank.
Bis Weihnachten ganz liebe Grüße,
Eure/Ihre
Mary und Turgay
Liebe Indienfreunde und –interessierte,
wenn man in einer fremden Kultur lebt, ist jeder einzelne Tag mit neuen Erfahrungen verbunden und es gibt seit unserem letzten Rundbrief schon wieder so viel zu berichten.
Heute wollten wir unseren Tages-und Wochenablauf erläutern, soweit dies möglich ist, denn in Indien steht Flexibilität und Veränderung an erster Stelle. Dazu nachher noch Näheres. Also, soweit nicht urplötzlich etwas anderes angesagt ist, werden wir täglich um 5.30 Uhr mit lautstarker Musik geweckt. Diese gilt eigentlich unseren Hostelboys, die Lautsprecher sind allerdings so „diskret“ eingestellt, dass es unüberhörbar in unser Zimmerchen herein dröhnt. Wir gönnen uns dann den Luxus, noch bis 5.50 Uhr im Bett zu bleiben, während die Hostelboys raus müssen, schließlich müssen alle 50 Jungen sich an den paar Waschstellen waschen und dann um 6.10 Uhr mit ihren Matten auf dem Dach des Hostels zum Yoga erscheinen. Hier beginnt auch für uns der Tag, allerdings muss man sich nun zwei ungelenke weißhäutige Gringos unter extrem beweglichen, drahtigen dunkelhäutigen Jungen vorstellen. Turgay hat sich zum Ziel gesetzt, nach einem Jahr Indien zumindest ein Bein um den Hals legen zu können..
Die Übungen tun sehr gut, wenngleich mir manche von der Physiognomie her als nicht machbar erscheinen. Montags, mittwochs und freitags wird anschließend Messe mit lautstarkem, allerdings nicht ganz ton- und klangkonformem Gesang gefeiert. Gegen 7.30 Uhr sind wir wieder zurück im Zimmer und freuen uns (meistens) auf das Frühstück um 8.00 Uhr. Der Tag fängt hier mit warmem Essen an, an manchen Tagen gibts für uns Toastbrot mit Marmelade, die den Namen nicht wirklich verdient, wenn man von zu Hause die selbstgemachte gewöhnt ist. Ansonsten essen wir Reis, idlys (Reisküchle), dhosais (Pfannkuchen), chapatis (Mehlfladen) oder haarfeine Nudeln jeweils mit scharfer Gemüsesosse (allg. Curry genannt). Des weiteren gibts dazu gelegentlich Zwiebel-/Chili-Omelette. Die ernährungsphysiologische Zusammenstellung der Mahlzeiten ist beachtlich, und auch ein Grund dafür, warum viele Inder z.B. an Diabetis leiden. Die Annahme, dass in Indien viel Gemüse gegessen wird, ist nur bedingt richtig, denn die Soßen sind relativ flüssig und der Gemüseinhalt recht dürftig.
Mittag-/Abendessen und Frühstück (idlys)
Natürlich versuchen wir uns so weit wie möglich hier einzugewöhnen und anzupassen, dennoch gibt es ein paar Dinge, wo dies recht schwierig oder unmöglich erscheint. Beispielsweise können wir uns nicht wirklich an das vollkommen andere Verständnis für Sauberkeit und Hygiene gewöhnen. Eine Putzaktion unsererseits in der Küche scheiterte kläglich mangels vernünftiger Utensilien – kaum zu glauben! Auch die ewigen Moskitoüberfälle sind sehr nervig und belastend, von den nächtlichen kriechenden und krabbelnden Zimmerbesuchern ganz zu schweigen. Unser Moskitonetz ist deshalb das geschätzteste Teil unseres Zimmers.
Auch das Thema Müll ist ein Dauerdiskussionspunkt in unserer Gemeinschaft hier. Die überall herum liegenden Müllberge kennzeichnen wirklich das Bild Indiens und unser Campus ist leider auch davon betroffen. Alles was man wegwerfen kann, wird in die freie Landschaft oder einfach auf den Boden geworfen. Turgay und ich haben es zwar geschafft, dass zwischenzeitlich in unserer Küche, in den Klassenzimmern und im Schulbüro kleine Mülleimer stehen, aber das Verständnis für eine „artgerechte“ Nutzung fehlt nicht nur bei den Schülern. Erst kürzlich bekamen die Jesuiten meine Emotionalität zu spüren, als ich entdeckte, dass zwar Plastik, Glas und Lebensmittelreste in unserem Essbereich getrennt, aber dann hinter dem Haus wieder auf einem Müllberg in trauter Zweisamkeit ihr Verrottungsdasein fristen. Das nervt uns wirklich, aber in diesem Punkt bleiben wir hartnäckig und versuchen, während unseres Aufenthaltes zumindest einmal ein Putzwochenende einzufordern, an dem der ganze Campus von allem Unrat und Müll gesäubert wird. Da kommen echt Tonnen zusammen.
Übrigens sind auch die Elektrizitätswerke sehr flexibel, was die Stromlieferung betrifft. Kaum hatten wir uns die ersten beiden Wochen auf stromfreie Zeit morgens von 7.45-10.15 Uhr eingestellt, erfolgte prompt eine Änderung. Die nächsten beiden Wochen gabs ab 11.00 Uhr bis irgendwann keinen Strom, zur Zeit sind wir von 10-12.15 Uhr und abends ganz nach Belieben „stromfrei“. Diese Situation kann sich natürlich auch auf einen ganzen Tag von morgens 8.00 Uhr bis abends um 18.00 Uhr erstrecken. Zum Glück wird hier mit Gas gekocht.
Natürlich ist uns klar, dass auch wir mit unseren Ansichten und unserer für hiesige Verhältnisse offenen Art (obwohl wir sehr zurückhaltend sind) eine tägliche Herausforderung sind. Anerkennend möchten wir erwähnen, dass unsere Patres zunehmend interessiert an deutscher Kultur und deutschen Lebensgewohnheiten sind. Da von ihnen bisher keiner außerhalb Indiens oder Sri Lankas war, geben sie ehrlicherweise zu, uns als Amerikaner betrachtet zu haben. Orientierungsmaßstab für das Verhalten und die Bedürfnisse von Ausländern/Amerikanern ist dabei der Fernseher. Umso mehr freuen wir uns, Botschafter eines kulturell eigenständigen kleinen Landes namens Deutschland sein zu können.
Aufgrund unserer vielfältigen Reiseerfahrungen und des nun mehrwöchigen Aufenthaltes hier in Tamil Nadu wird aber klar, dass Indien ein Land/Kontinent orientalischer Prägung ist. Gerade in ländlichen Regionen wie unserer ist die Förderung von Frauen ein Anliegen zweiter Ordnung. Immer und überall sind Männer präsent. Als Ausländerin und dazu noch als Lehrerin genieße ich zwar vollen Respekt, muss mich aber beispielsweise an den Kleiderkodex halten. Während Turgay und die Männer in Shorts Sport machen, trage ich immer lange Hosen oder eben diese indischen Gewänder, obwohl mir bei der Hitze oft ein luftiges kurzes Röckchen oder einfach auch Shorts angenehmer wären. Selbstverständlich klappt Turgays Integration in diesen Männerkreisen vorzüglich, während mir ein paar nette, gleichgesinnte Frauen um mich herum sehr fehlen. Eine Änderung dieser Situation steht nicht in Aussicht, zumal die Frauen hier kaum englisch spechen und insgesamt anderen Lebenskreisen angehören.
Ach ja, als ein weiteres Merkmal der hiesigen Gesellschaft schickt es sich auch nicht, dass sich ein Mann neben eine Frau oder umgekehrt setzt. Im Bus/Zug oder selbst in der Kirche gibt es deshalb Frauen-und Männerreihen oder ein ständiges Platz tauschen.
Madurai, wo wir die wirklich einmalige
Meenakshi-Tempelanlage und den grossartig restaurierten
Tirumalai-Palast besichtigten. Auch hier haben wir wieder bei den ansässigen Jesuiten Quartier bekommen. Dann gings mit dem Nachtbus und in beqümen Liegesitzen zurück nach Ranipet mit noch dreimaligem Umsteigen und viel guter Hilfe von der Bevölkerung, denn erstens gibt es weder im Zug noch im Bus irgendeine Ansage des nächsten Haltes, noch können wir die tamilischen Sprachzeichen lesen. Es ist deshalb eine besondere Erfahrung für uns selbständigen Europär, total auf andere Menschen angewiesen zu sein und ihnen vertrauen zu müssen. Es waren übrigens sehr gute Erfahrungen! Allerdings ist es bei solch langen Reisen in Indien sehr ratsam, Oropax einzustecken, um nicht stundenlang im Bus von der überlauten
Bollywood-Filmbeschallung, dem schrillen Dauerhupen aller auf der Straße befindlichen Fahrzeuge oder schwerhörigen Handynutzern maltraitiert zu werden. Auch das System der von Chennai in den Süden führenden Autobahn scheinen noch nicht alle Tamilen verinnerlicht zu haben. Auf deutschen Autobahnen würde das Verhalten zu der Daueransage in der Art „Achtung entgegenkommende Motorräder“ sowie „Fussgänger und Rinder auf der Autobahn“ führen. Aber dank der klangkräftigen Hupen gibt es immer auf den letzten Zentimeter eine Ausweichmöglichkeit.
Trichy konnten wir das wunderbare Rockfort und die Tempelanlage in
Srirangam besuchen, bevor dann am Samstagnachmittag 10 Jesuiten die Priesterweihe erhielten. Der Ablauf ist eigentlich mit dem in Deutschland vergleichbar, allerdings gabs im Anschluss daran nicht wie bei uns einen allgemeinen Umtrunk, sondern ein Essen für alle geladenen Gäste (ca. 250). Man kann sich das so vorstellen, dass reihenweise Tische/Bänke (wie bei uns Biertische) mit ausgelegten Bananenblättern und einem Plastikbecher für Wasser aufgestellt sind. Dann erfolgt die Essensverteilung reihenweise mit leckeren Reisgerichten, Fleisch und Gemüsecurries etc. Der Haken an der leckeren Sache war nur, dass essen mit der Hand angesagt war. Während sich Turgay tapfer geschlagen hat, sah mein Bananenessplatz am Ende etwas ungastlich aus. Na ja, alles will eben gelernt sein. Die Rückfahrt anderntags nach Ranipet per Bus war übrigens wieder eine 8stündige, sehr anstrengende Angelegenheit, denn die indischen Busse sind nicht mit unseren Luxusbussen vergleichbar. Das folgende Wochenende haben Turgay und ich bewusst als Heimwochenende gewählt, weil das Hindu-Fest „
Diwali“ (Lichterfest) gefeiert wurde. überall wurden Lichterketten und Kerzen angezündet, es gab viele neue Filme im Kino und Fernsehen, den Frauen wurden die Hände mit Henna kunstvoll bemalt, man sah kleine Feuerwerke und hörte den ganzen Tag (also auch nachts) Feuerwerksknaller. So wird der Sinn von Diwali, der Sieg des Lichts über die Dunkelheit oder generell die Überwindung des Bösen durch das Gute gefeiert. All die Wunderkerzen und Böller etc. erinnerte uns stark an Silvester, das hier anscheinend nicht in dieser Art und Weise gefeiert wird.
Damit sind wir auch schon beim Thema „Schulsystem in Indien“ angekommen.An den öffentlichen Schulen herrscht absoluter Lehrernotstand und zwar in zweierlei Hinsicht: Erstens gibt es wirklich zu wenig Lehrkräfte, denn der Beruf zählt nicht gerade zu den bestbezahltesten oder angesehensten Berufen. Zweitens sind grundsätzlich ein Drittel bis die Hälfte der Lehrer wegen ??? abwesend. Die Missstände sind allgemein bekannt, allerdings existiert keinerlei Kontrolle von oben z. B. über die Anwesenheit bzw. Abwesenheit von Lehrern, was überhaupt unterrichtet wird, ob aktueller Stoff unterrichtet wird (oder aus total veralteten Büchern) etc. Oft arbeiten die Lehrer mit den lokalen politischen Stellen zusammen, werden dafür entgegenkommenderweise nicht versetzt. Dadurch bleibt zumindest bei diesen Lehrern jahre-/jahrzehntelang alles beim Gleichen oder sozusagen im Dunkeln. Um nicht angeprangert zu werden, gib man den Schülern im Laufe der unteren Schulklassen dann einfach entsprechende Noten, so dass sie versetzt werden, unabhängig ob das Wissen vermittelt wurde oder die Schüler entsprechendes Wissen haben. Lediglich in den Schlussprüfungen (z. B. Hauptschul-/Realschulabschluss) werden ordnungsgemäße Prüfungen abgehalten. Es darf geraten werden, wie hoch die Durchfallquote ist! Wie wir fast täglich in den Zeitungen lesen, gibt es vielerlei Strategien, um gegen diese Misere vorzugehen, wie periodische Prüfungen über den Wissensstand der Schüler, die Einführung eines Monitoringsystems über die Anwesenheit der Lehrer, Fortbildungsmöglichkeiten für die Lehrer, aber auch die Befreiung der Lehrer vom politischen „Würgegriff“, denn nicht jeder Lehrer spielt freiwillig mit. Ob und wann der als notwendig erkannte Änderungsprozess in die Wege geleitet wird, ist aus heutiger Sicht nicht zu sagen, denn von diesem Schulsystem sind ja vorwiegend die Familien der unteren Schicht in Tamil Nadu betroffen (die Besserverdienenden schicken ihre Kinder gleich in Privatschulen).
Unabhängig von allem gibt es natürlich auch einfach faule oder wenig begabte Schüler, die aus diesen Gründen die Abschlussprüfungen nicht schaffen. Für all die Erwähnten ist dann sozusagen unsere berufliche Schule nochmals eine große Chance, überhaupt zu einem berufsbildenden Abschluss zu kommen. Darüber hinaus gibt es hier noch eine dritte Gruppe an Schülern, nämlich die Flüchtlingskinder aus Sri Lanka.
Allein in Tamil Nadu gibt es seit nunmehr 20 Jahren 130 Flüchtlingscamps (ca. 300 Familien wohnen in einem Camp). In unserem Distrikt werden sie von unserem Jesuiten John Michel (über den Jesuit Refugee Service JRS) betreut, der deshalb i.d.R. tagelang dort wohnt. Wir hatten kürzlich die Chance, anlässlich des Sonntagsgottesdienstes solch ein Camp besuchen zu können. Camp bedeutet dabei, dass die Menschen wie in einem Dorf zusammenleben, in Hütten aus Palmblättern, alles ungeteerte Wege, ohne Kanalisation, Strom und sauberes Wasser. Die Menschen leben unter ständiger staatlicher/polizeilicher Kontrolle und können nicht ungehindert ihr Camp verlassen. Ihre Anwesenheit dort wird wöchentlich kontrolliert. Als Gründe für die Ghettoisierung führt die indische Regierung die Angst vor einer Zusammenarbeit der Flüchtlinge mit der terroristischen und militanten Befreiungsorganisation TIGER an. Es gibt aber auch seit längerem schon Bestrebungen, den Flüchtlingen die Bürgerrechte zu übertragen. Das scheiterte seither an den politischen Gegenstimmen, dass die Regierung in Sri Lanka in diesem Falle dann die Vertreibung der Tamilen noch systematischer betreiben würde. Und so sind wieder die Menschen selbst Opfer des politischen Machtkampfes. Allerdings genießen die Flüchtlinge aus Sri Lanka bei der indischen Bevölkerung keineswegs ein schlechtes Ansehen, denn sie sind ausnahmslos fleißige, gute Facharbeiter (z.B. Maler). Sie werden als intelligent und arbeitsam beschrieben; außerdem wollen diese Menschen von sich aus weiterkommen.
Allein in meiner Computerklasse sind 8 Flüchtlingsschüler (5 Mädchen) und allesamt sind sehr fleißig und echt gut. Für die Ausbildung erhalten sie eine Ausnahmegenehmigung und dürfen auch außerhalb des Camps wohnen (z.B. wohnen die Mädchen während der Woche in einem Schwesternkonvent, die Jungen bei uns im Hostel). Für die Mädchen müssen unsere Jesuiten die gesamten Kosten übernehmen, auch das auswärtige Wohnen, deshalb ist auch immer nur eine kleine Anzahl solcher Schülerinnen hier (schade!). Auch in dem von uns besuchten Camp waren wir von ein paar Kindern und deren englischen Sprachkenntnissen sehr verblüfft. Am liebsten hätten wir sie auch gleich noch auf unsere Schule mitgenommen, damit diese Talente und der Lernwille gefördert werden könnte. Das geht leider aus den o.a. Gründen nicht.
Schule und Wohnbereich
Turgay und Kollegen / Marys Klasse
Ein Blick aus luftiger Höhe auf die nächste Etappe Ranipet.

Liebe Freunde, Verwandte und Bekannte,
Deutschland liegt seit 2 Tagen hinter uns. Seitdem sind wir eingetaucht in die Lebendigkeit Indiens mit Menschen überall um uns herum, die uns neugierig und mit strahlenden Blicken mustern. Die Jesuitenpatres Father Francis und Maria Joseph haben uns nach der Ankunft in Chennai unter ihre Fittiche genommen und wir sind nun die ersten 3 Tage in Chennai im Loyola College Campus untergebracht, wo wir auch täglich die Tischgemeinschaft mit den Jesuiten teilen.
In der Chennai Mission sind 60 Jesuiten, die das Chennai Loyola College Center mit ca. 7000 Studenten und Studentinnen in den Studienbereichen Religionswissenschaften, Naturwissenschaften, Elektronik, Kultur und Erziehung, Businessmanagement, Medien und Kunst betreuen. Der Campus des Universitätszentrums ist im Übrigen inmitten der Geschäftigkeit Chennais eine wahre Oase.

Quelle: Jesuitenmission Indien
Gleich am Ankunftstag stand anlässlich der Feierlichkeiten des indischen Lehrertags (teachers day) der Besuch des Ausbildungszentrums für Lehrerinnen in Kuppyanallur auf der Tagesordnung. Die 2,5 Std. Fahrt auf dem Highway mit unglaublichem Bus, Auto und Motorradverkehr zeigt den enormen Entwicklungsschub, den Tamil Nadu seit unserem letztem Urlaub vor 10 Jahren gemacht hat. Dank der Geschicklichkeit des motorisierten Wirrwarrs werden aus der 2spurigen Autostrecke 4 Spuren. Aber wir haben einen tüchtigen Fahrer. In Kuppyanallur erwarten uns dann bereits ein gedeckter Tisch mit Tee, Kaffee, Keksen, Knabbereien sowie Johannes, ein weiterer JMV Freiwilliger und vor allem viele aufgeregte junge Lehramtskandidatinnen (Grundschule), die ein beeindruckenden Programm mit Ansprache (in Tamil), Tänzen und Gesang darbieten. Feuer diese sehr jungen Frauen eröffnet sich durch die Lehrerausbildung eine eigene Einkommens und Lebensperspektive, so dass sie nicht allein auf die Rolle des jung verheirateten Mädchens festgeschrieben werden. Der Einsatz und die Ernsthaftigkeit sowohl der Unterrichtenden als auch der Studierenden ist beachtlich, ebenso die Dankbarkeit für solche nicht selbstverständlichen Lebenschancen.
Anschließend führt uns die Fahrt durch das ländliche Tamil Nadu weiter nach Ongur, hier wurde bei dem ebenfalls von den Jesuiten betreuten Kindergarten ein n euer Spielplatz eingeweiht. Fast alle Kinder dort sind Waisen und stammen aus der (untersten) Kaste der Unberührbaren. In der ländlichen Gegend sind tamilische Sprachkenntnisse für uns unerlässlich, wir haben deshalb sprachlich noch eine große Aufgabe vor uns. Auch hier führen uns die Kinder Tänze und Gesänge vor. Alles läuft mit mit 1000 Ehrungen und Danksagungen. Dieser 1. Tag in Indien hat uns einiges an Kondition abverlangt, dafür konnten wir dann am 2. Tag im Unicampus abhaengen und versuchen, mental anzukommen. turgay kommt mit der Wuerze des indischen Essens sehr gut zurecht, waehrend ich mich sicherlich auf einen laengeren Anpassungsprozess einstellen muss. Aber die Patres sind alle eine große Hilfe und vor allem darauf bedacht, dass genug gefuttert wird. Noch lässt uns auch das tropische, feucht heiße Klima (35 Grad, 70-80% Luftfeuchtigkeit) extrem schnell ermüden, aber auch hieran wird sich der Körper noch gewöhnen.
Heute Nachmittag nun geht es dann zu unserem eigentlichen Einsatzort nach Ranipet. Von dort werden wir uns mit weiteren Erlebnissen und Erfahrungen melden.
Abschließend dürfen wir allen, die uns gleich zu Beginn unseres Einsatzes haben eine Spende zukommen lassen, sehr herzlich danken und grüßen
Ihre und Eure MARY und TURGAY
werkstatt-weltweit des
JesuitMissionVolunteers-Programms (JMV).
Jesuit Chennai Mission wird uns während der ersten 6 Monate (09/2009 - 02/2010) nach Ranipet, Vellore District, ca. 4 Fahrstunden westlich von Madras (Chennai), der Hauptstadt Tamil Nadus, führen und anschließend bis 08/2010 nach Ooty, Nilgris District, auf ca. 1900 m in den Nilgiri-Bergen, an der Grenze zum Bundesstaat Kerala gelegen.

Damit unser Einsatz und Aufenthalt gelingen kann, sind wir auf Menschen angewiesen, die uns in Gedanken, Worten und Taten - auch mit materieller Hilfe - unterstützen. Gerne lassen wir alle Interessierten an unseren Erfahrungen vor Ort teilhaben, indem wir regelmäßig Rundbriefe per E-mail versenden. Wenn Ihr auf den Verteiler wollt, schickt einfach eine
Mail. Die Mailadresse bietet auch gleichzeitig die Möglichkeit mit uns Kontakt aufzunehmen, falls jemand noch mehr wissen möchte.
Einen Teil unserer Einsatzkosten wie Flüge, Visa, Impfungen, Vorbereitungsseminare etc. tragen wir selbst. Kosten für Versicherungen, Unterkunft und Verpflegung sowie ein mtl. Taschengeld von 50,-€ übernimmt die Jesuitenmission, die sich im Wesentlichen aus Spenden finanziert. Es würde uns freuen, wenn sich viele für unseren Einsatz interessieren sowie diesen finanziell unterstützen. Eine Spende kann regelmäßig oder einmalig auf unser Projektkonto bei der Jesuitenmission erfolgen. Selbstverständlich erhalten die Spender/-innen eine Spendenbescheinigung fürs Finanzamt. Jede finanzielle Unterstützung, die die Ausgaben der Jesuitenmission für unseren Aufenthalt übersteigt, kommt unmittelbar den Menschen vor Ort zugute.
Projektkonto:
Jesuitenmission, Konto-Nr. 5115582 bei Liga Bank (BLZ 750 903 00);
Verwendungszweck: 3888 ERINÇ
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