Ein Jahr in Indien

Ein Jahr als freiwillige Helfer der Jesuitenmission nach Indien

Mary und Turgay Erinc aus Leonberg gehen für ein Jahr als Freiwillige für der Jesuitenmission nach Indien. Wir möchten hier immer mal wieder kurze Einblicke über das geben, was die beiden in diesem Jahr in Indien erleben.

Grundlagen für diese Zeilen werden persönliche Berichte und Mails der beiden Freiwilligen sein - jedoch in konzentrierter Form.

Redaktion: Angelika Kamlage
Fotos: privat

Natürlich gibt es auch einen Flyer. :-) (pdf - 431 KB)

Projektkonto:
Kontoinhaber: Jesuitenmission
Kontonummer: 5115582
bei Liga Bank
BLZ: 750 903 00
Verwendungszweck:3888 ERINC






aus der Mail vom 18.07.2010

Liebe Indienfreunde und –interessierte,
die grosste Sommerhitze in Tamil Nadu haben wir dank unseres Ootyaufenthaltes gut ueberstanden und die Monate Juni/Juli bescherten uns seither maessige Temperaturen mit hoechstens 37 Grad und maximal 85 % Luftfeuchtigkeit. Unsere Rueckkehr nach Ranipet im Juni war nach 6-woechiger Abwesenheit ein freudiges Heimkommen. Es gibt einfach keine strahlenderen Gesichter als die unserer Hostelboys, keine lieberen englischen Wortfetzen als die unserer Koechin (so sad, house silent, no go), keine groesseren Saltos als die unserer beiden Hundchen und vor allem !!!! keine staerkeren Gefuehlsbezeugungen als die unserer Jesuiten, was wir bisher nicht fuer moeglich gehalten haetten. Ausserdem erwartete uns eine Gemeinschaft mit einem neuen Teamleader und einem neuen Scholastiker als Hostelleiter. Mit diesen beiden nun hat sich intern bereits sehr viel zum Guten gewendet. So koennen wir die letzten Wochen unseres Einsatzes regelrecht geniessen, ein wahre Gemeinschaft sowie erste strukturelle Veraenderungen miterleben.


Aber wie haben sich nun die vergangenen Wochen gestaltet? In jedem Falle hat sich Indien in seiner ganzen und puren Intensitaet gezeigt, wie in folgenden Beispielen:
Zunaechst wurden die urspruenglich auf Mitte Juni festgelegten staatlichen Pruefungen unserer Schue-ler von der Schulbehoerde zweimal verschoben, so dass wirklich groessere organisatorische Klimmzuege notwendig wurden, um die seitherigen Schueler nicht nur ausreichend auf die Pruefungen vorbereiten zu koennen, sondern auch den bereits zugelassenen neuen Schuljahrgang parallel unterrichten zu koennen. Wieder einmal ein Paradebeispiel, wie mit aus deutscher Sicht unmoeglichen Situationen umgegangen und letztendlich alles moeglich gemacht und gemeistert wird. Es ist wahrscheinlich kein grosses Raetsel, wer sich ueber solche Umstaende am meisten aufgeregt hat, oder? Selbst nach 1 Jahr Indien ist unser Fell noch nicht dick genug. Sogar unser Schulleiter Fr. Arul war angesichts der dreisten Forderung des staat-lichen Pruefers nach einer „Gefaelligkeitspramie“ in Hoehe von 10.000 Rupien (99 Schueler à 100 Rs) bis zum spaeten Abend nicht mehr zu beruhigen.

Das naechste wirklich einschneidende Ereignis ereilte uns in Gestalt der Einladung zu einer Verlobung auf dem Lande, d.h. in einem Dorf im tiefsten Tamil Nadu, wo es noch nicht ueberall Strom, Wasser und geschweige denn sonstige lebensunterstuetzende Ein-richtungen gibt. Die Verlobung wurde unter grosser Beteiligung von jesuitischer Seite (familiaere Bezie-hung) begangen. Der Verlobte ist ein junger, ueberaus sympathischer, superintelligenter Hochschulprofessor (in Chennai), der leider mit gleich 2 Stigmas behaftet ist: erstens ein Dalit und zweitens behindert zu sein (hat vor Jahren durch einen Autounfall ein Bein ver-loren). Vier Jahre lang suchte die Familie verzweifelt nach einer passenden Frau fuer ihn, er wurde von 17 Familien aufgrund obiger „Umstaende“ immer wieder


abgelehnt. Warum nun diese Frau (uebrigens eine Lehrerin aehnlicher Herkunft) einer Hochzeit zugestimmt hat, ist uns nicht klar geworden; moeglicherweise muss ihre Familie dadurch weniger Brautgeld fuer sie bezahlen. Aber man stelle sich das vor, was es bedeutet, aufgrund bestimmter Umstaende als Mensch immer wieder abgelehnt oder dann wie eine Ware als Hochzeiter angeboten zu werden - einfach schrecklich. Auf alle Faelle konnte es der Verlobte kaum glauben, dass wir als Auslaen-der sein Ereignis mitfeiern und ihm dadurch solche Ehre erweisen wollten. Die ganze Familie war fuer unsere Anwesenheit dankbar und uebergluecklich. Wieder einmal waren wir Zeugen dafuer, dass nicht einmal ein glaenzender beruflicher Aufstieg das Dalitstigma aufloest und das unter Katholiken! Wozu sind wir dann alle getauft? Die koerperliche Behinderung ist darueberhinaus solch ein grosser Makel bei einem Menschen, dass man am besten garnicht darueber spricht oder den Mensch vom gesellschafltichen Leben weitestgehend ausschliesst. Mich hat das alles sehr bedrueckt.






Das Thema „Unberuehrbarkeit“ hat uns ueberhaupt die vergangenen Wochen auf Schritt und Tritt be-gleitet. So haben die Jesuiten auf dem oben beschriebenen puren Lande ein neues Loyola College fuer Natur- und Geisteswissenschaften in Vettavalam errichtet. Die Zielgruppe von Studierenden sind vor-nehmlich Kinder aus dieser unberuehrbaren Kaste. Dort sind uebrigens derzeit mehr Studentinnen als Studenten, was mir in einer gewissen Weise doch Genugtuung verschafft, endlich auch Frauen verstaerkt zu foerdern. Die Studiengebuehren sind im Verhaeltnis zu anderen Hochschulen relativ niedrig, um eben Schue-lern aus unteren Kasten und armen Familien vom Lande eine Studienmoeglichkeit zu eroeffnen. Wie man sieht, ist die Frage der Intelligenz nicht durch die Herkunft bestimmt; mit gezielter Foerderung – gegebenenfalls ueber Quoten – koennen auch gesellschaftlich benach-teiligte Menschen ihre wirtschaftliche Situation durch eine fundierte Ausbildung wesentlich verbessern; leider aber nicht unbedingt ihre gesellschaftliche Situation, wie obiges Beispiel belegt.
 
Keine Frage, wieviele Spenden benoetigt wurden und immer noch werden, um dieses College ueberhaupt errichten zu koennen. Uebrigens laeuft der Hochschulbetrieb seit 1 Jahr mit 130 Studenten/innen, obwohl noch ueberall geklopft, gehaemmert und gebaut wird. Nach Fertigstellung koennen dort bis zu 300 Studierende sein. Der jesuitische Hochschulleiter hat uns uebrigens voller Stolz seine zwischenzeitlich auf 1500 Buecher angewachsene Bibliothek gezeigt.
 
Ausserdem konnte kuerzlich mit Spendengeldern ein Computerzentrum mit 30 PCs eingereichtet werden. Das sind doch wirklich traumhafte und attraktive Studienvoraussetzungen, oder? In Vettavalam haette ich nun mangels qualifiziertem Lehrpersonal gleich als Englischdozentin einen Lehrauftrag haben koennen. Die Ironie des Schicksals, solch ein verlockendes Angebot jetzt zum Ende unseres Einsatzes zu erhalten.


Auch unsere neue Gaertnerfamilie mit zwei kleinen Kindern ist von der Kaste der Unberuehrbaren. Unser neuer Teamleiter hat ein verwahrlostes kleines Gebaeude auf dem Campus kurzerhand herrichten und streichen lassen, so dass sie ein frisch gerichtetes Haeuschen beziehen konnten. Dabei mussten immer wieder Schlangen aufgestoebert, ausgeraeuchert oder totgeschlagen werden, damit den Umstaenden ent-sprechend sicheres Wohnen garantiert ist. Dass so ein kleines Prachtexemplar von der giftigen Kobra stammt, kaum zu glauben.
Die Familie ist mit Putz-, Aufraeum-, und landwirt-schaftlichen Arbeiten auf dem Campus betraut und soll die brachliegenden Flaechen (mehrere Hektar) in den naechsten Monaten einer dauerhaften landwirtschaft-lichen Nutzung zufuehren, damit wir endlich Gemuese, Reis, Obst oder was auch immer selbst erwirtschaften oder ggf. die Ernte verkaufen koennen. Auch die Reali-sierung dieses Projektes haette mich sehr angesprochen und laesst den Gedanken hochkommen, wirklich ein Jahr zu frueh nach Indien gekommen zu sein.


Aber wer weiss, jeder von uns beiden hat in jedem Fall auf seine eigene Art hier Dienst geleistet.


Waehrend Turgay vor allem in technischer Hinsicht gefragt war, kamen bei mir der „interne“ Sozialdienst sowie meine Sprachkenntnisse zum tragen. Neben Englisch im Schulunterricht hatte ich unter den Jesuiten selbst lernfreudige Deutsch- und Franzoesischschueler. Es ist schoen, nicht nur die Solaranlagen auf unserem Schul- und Wohngebaeude erstehen zu sehen, sondern nun auch unterschiedliche Sprachen in unserer Residence vernehmen zu koennen. Und jeder Besucher, seien es Jesuiten oder andere, wird nun mit dem Erlernten konfrontiert.







Das Interesse am Ausland – vor allem Deutschland – hat zugenommen (zusaetzlich noch durch die guten Spiele unserer Fussballmannschaft bei der WM), wenngleich die Vorstellung des ewigen Brotessens fuer alle ein Alptraum ist. Allerdings werden die deutschen Backkuenste in der Community so geschaetzt, dass sogar der Kauf eines europ. Ofens in Erwaegung gezogen wurde. Eine Mitte Juli aus Deutschland angereiste Freundin hat uns mit Backformen und Handmixer sowie einigen Backutensilien ausgestattet, so dass nun das Backen eifrig weitergeht bis zu unserer Abreise. Dabei muessen wir immer den Teig zum Baecker bringen und jedes Mal den Stromausfall miteinkalkulieren. Alles eine reine Organisationssache, aber sowohl Marmorkuchen. Linzertorte, Moehrentorte, Schokokuchen als auch Hefekranz waren stets schnell verzehrt. Unsere Koechin traeumt schon davon, eine eigene Baeckerei aufzumachen mit den deutschen Kuchenrezepten. Ob das auch unter Entwicklungshilfe einzureihen ist?
 
In jedem Falle zaehle ich diese kleinen Alltags-geschehnisse ebenso zu meinem Sozialeinsatz wie z.B. ein reges Frauengespraech mit der 88 jaehrigen Oma unserer Computerlehrerin, das mangels Sprachkenntnissen eher von Herz zu Herz ging.


Was wir insgesamt in all den Monaten unseres Aufenthaltes hier sehr geschaetzt haben, war die unein-geschraenkte Akzeptanz eines muslimischen Gastes (Turgay), die soweit gefuehrt hat, dass er schon als Neuzugang bei den Jesuiten gehandelt wurde. Der von der Chennai Mission proklamierte Ansatz des interreligioesen Dialogs wird in der Tat gelebt und war im Alltag stets fuer uns erfahrbar. Die Integration der weiblichen Jesuita (Mary) gestaltet sich etwas zoegerlicher, wenngleich vereinzelt nun Ansaetze fuer eine freundliche Wahrnehmung zu erkennen sind, wie das nachstehende Gruppenbild mit Dame beweist. Wahrscheinlich kann man das „maennlich orientierte“ Indien und noch dazu eine religioese Gemeinschaft nicht im Sturm erobern. Alles braucht und hat seine Zeit, wie schon Kohelet im Alten Testament sagt. Und unsere „Jesuitenfamile“ hier in Ranipet muss ich in der neuen Zusammensetzung wirklich loben angesichts der spuerbaren Herzlichkeit


Ja so gaebe es wieder noch viele kleine und den Alltag abwechslungsreich gestaltende Geschehnisse zu erzaehlen. Das wollen wir uns jedoch fuer die persoenlichen Gespraeche und Begegnungen zu Hause in Deutschland aufheben. Dass uebrigens die Solaranlage auf dem Dach unserer Residence (das Hostel ist auch angeschlossen) ausgerechnet an Turgays Geburtstag in Betrieb ging und eingeweiht wurde, war wohl das schoenste Geburtstagsgeschenk, das er sich wuenschen konnte.
Der gesamte Campus der Loyola Industrial School Ranipet ist also nun seit 16.07.2010 auf Solarenergie umgestellt. Der 1. Standort uebrigens innerhalb der gesamten Chennai Mission und wir moechten an dieser Stelle nochmals den ausdruecklichen und herzlichen Dank unserer Community als auch besonders des Superiors der Chennai Mission sowie des Fr. Provincial an alle weitergeben, die mittels ihrer Spenden zu dem grossartigen Projekt beigetragen haben. Insgesamt konnten wir neben dieser bedeutenden Anlage dem Campus mit Trinkwasserfilteranlage zu sauberem Trinkwasser verhelfen sowie die Sportausstattung fuer die Hostelboys (war das letztjaehrige Weihnachtsgeschenk) anschaffen. Durch die neuerliche Unterstuetzung unserer Kirchengemeinde St. Michael Hoefingen-Gebersheim wird es nun zu guter letzt moeglich, auch den Jesuiten in Ooty, wo wir ja den ganzen Monat Mai verbracht haben, ebenso eine Trinkwasseranlage zu installieren und darueberhinaus verschiedenen Studentinnen des Vettavalam-College mittels Stipendium ihr Studium zu finanzieren. Wir koennen das alles garnicht fassen und wuerden gerne eine feste Partnerschaft mit der Chennai Mission aufbauen, um ihre Arbeit und weitere Standorte konkret zu unterstuetzen. Vielleicht besteht ja bei dem/r Einen oder Anderen Interesse, sich daran zu beteiligen. Wir werden in jedem Falle den Kontakt hierher halten und wer weiss, vielleicht laesst sich ja mal eine gemeinsame Reise organisieren. Auf alle Faelle ist jeder bei den Jesuiten der Chennai Mission herzlich willkommen, was unsere verschiedenen Besucher aus Deutschland bezeugen koennen.





An unserer Schule durften wir uebrigens eine grosse Widmungsplatte fuer alle Spender aus Deutschland (genannt ist die kath. Gemeinde St.Michael Hoefingen-Gebersheim and alle Freunde der dtsch. Frei-willigen Turgay und Mary Erinc) feierlich einweihen. Formale Ehrungen und Enthuellungen etc. haben hier einen besonders hohen Stellenwert.
 
Dieser Rundbrief wird nun der letzte sein, den wir von unserem Einsatz in Ranipet nach Deutschland senden. Wir haben viele– auch schmerzliche – Dinge gelernt und erfahren, immer in dem Wissen, dass wir gehalten und getragen werden von Gott, spuerbar in den vielen Menschen zu Hause, die uns ideell die Treue gehalten und materiell unterstuetzt haben. Das Jahr hat verstaendlicherweise seine Spuren hinter-lassen und die letzten Wochen waren gepraegt von vielen kleinen und grossen Verabschiedungen, die allesamt bewegend und traenenreich waren.
 
Wir danken an dieser Stelle nochmals ausdruecklich allen Jesuiten in Indien fuer die stete Gastfreund-schaft, allen voran Father Francis und Father Maria Joe von der Chennai Mission, die fuer alle unsere Anliegen stets ein offenes Ohr hatten. Und zu guter letzt geht ein super herzliches Dankeschoen an die Deutsche Jesuitenmission nach Nuernberg, die uns nicht nur auf diesen Aufenthalt vorbereitet, sondern vor allem auch waehrend unserer schwierigen Zeiten mit vielen aufbauenden Worten begleitet hat.

Das Abenteuer Tamil Nadu/Indien findet mit diesem stolzen farbenpaechtigen Geschoepf sein Ende und zum letzten Male sagen wir
 
APPURAM PAARKALAM
 
Eure/Ihre


Mary und Turgay




aus der Mail vom 03.06.2010

Liebe Indienfreunde und –interessierte,
Ooty oder Udhagamandalam in den Nilgiri-Bergen war „Liebe auf den ersten Blick“.
Mit seinen 2240 m und anfaenglichen Tagestemperaturen um 18 Grad war diese Liebe zunaechst mit einem Klimaschock verbunden, denn wir hatten Ranipet bei schwuel-feuchten Temperaturen von 42 Grad verlassen. Aber Mensch und Koerper sind anpassungsfaehig und mit 3 zusaetzlichen Wolldecken fuer jeden von uns, warmer Kleidung und ponchoaehnlichen Wollschals, die man hier ohne Ende erwerben kann, haben wir uns in unserer neuen Bleibe – berghuettenaehnlich s.unten – in der St. Joseph’s Industrial School schnell eingelebt.






In der Schule werden, aehnlich wie in Ranipet, Dreher, Schweisser und Schreiner im sog. dualen System (also schulischer Unterricht und parallel handwerkliche Unterweisung in den Lehrlingswerkstaetten) aus-gebildet. Die Werkstaetten sind gleichzeitig Produktionsstaetten, wo insbesondere Holztische, Baenke, Eisenstellagen, allerlei Schmiedearbeiten etc. fuer Schulen, Verwaltungen und Privatleute als Auftrags-arbeit gefertigt werden. Zusaetzlich unterhalten die Jesuiten hier eine Fahrschule, deren Gebuehren zu-sammen mit den o.a. Auftragsarbeiten den Unterhalt der Schule und des Hostels (60 Azubi = Hostelboys) sowie den Lebensunterhalt der Jesuiten-Community abdecken muessen. Dem ganzen Campus und Wohn-bereich sieht man an, dass dies trotz sparsamster Bewirtschaftung und Lebensfuehrung wohl nicht immer gelingt. Auch wir haben hier im Vergleich zu Ranipet „unseren Guertel hinsichtlich Unterkunft und Ver-pflegung noch enger geschnallt“. Und dennoch erfreuen uns soviele Dinge hier wie z.B. das wochenlange Schlafen ohne Moskitonetz, keine schweisstriefenden Tage und Naechte und vor allem der allmorgend-liche freundliche Gruss dieses reizenden Braunviehs direkt vor unserem Badfenster.


Unsere neue „Jesuitenfamilie“ ist von anfaenglich 7 Personen im Moment auf 2 Fathers geschrumpft. Die personelle Verstaerkung erfolgte aufgrund des von den Jesuiten angebotenen 2-woechigen Sommer-camps, an dem fast 80 Schueler aus Ooty und umliegenden Orten teilnahmen und Computer-, Spoken Englisch-, Musik- und Zeichenkurse belegen konnten. Das Niveau der Schueler war relativ hoch, so dass die taeglich ca. 3 Std. Englischunterricht sowie englische Sing- und Schauspielproben schon eine Heraus-forderung fuer mich darstellten. Von der anderen Herausforderung, undisziplinierte, quirrlige, pubertie-rende Schueler in Schach zu halten, will ich garnicht sprechen. Turgay hatte nach seinem „Solareinsatz“ in Ranipet waehrend der Campzeit eher eine Erholungsphase und beschaeftigte sich mit dem Arbeitsab-lauf in den Dreher-, Schweisser- und Schreinerwerkstaetten. Besonders schoen war die Zeit fuer uns waehrend des Camps, weil eben zusaetzlich 3 junge Jesuiten(schueler) anwesend waren und wir mit ihnen einen regen Meinungs- und Gedankenaustausch pflegen und in der Kuerze der Zeit einen freundschaft-lichen Kontakt aufbauen konnten. Nach der Beendigung des Sommercamps waren wir tagelang im Ein-satz als Pruefungsaufsichtspersonen oder erkundeten Ooty und die naehere Umgebung.






Ooty als Staedtchen unterscheidet sich prinzipiell – was Laerm, Abgase und Dreck betrifft – nicht wirk-lich von anderen indischen Staedten. Was seinen Charme ausmacht, sind die bewaldeten Huegel mit guter Aussicht, die netten Spazierwege, die freilaufenden Pferdchen, schoene Gartenanlagen, v.a. Eukalyptus-, Pinien- und Teakholz-waelder und die offene, an Touristen (zu 95 % Inder) gewoehnte Atmosphaere.
Verkaufsschlager in Ooty sind Tees der umliegenden Teeplantagen, verschiedenste Oele (z.B. Eukalyptus-, Citronella-, Mandel-, Nelkenoel) und HOMEMADE CHOCOLATE (Naeheres hierzu fuehre ich nicht aus!!).
 
Die hauptsaechlichen Wirtschaftszweige in/um Ooty liegen im Tourismus, der Teeproduktion und im Gemueseanbau (Karotten, Kartoffeln, Bohnen, rote Beete, Kohl und Zwiebel). Jeder 3. Einwohner be-zieht hieraus den Grossteil seines Einkommens. Ueblicherweise handelt es sich um Tageloehner beider-lei Geschlechts. Der geringe Verdienst faellt in 65 % der Faelle der Alkoholsucht der Maenner zum Opfer. Eine erschreckende Realitaet, der wir gerade in unserer Siedlung „Fingerpost“ auf Schritt und Tritt begegnen. Auch die in Ooty angesiedelte Pferderennbahn ist fuer viele Maenner ein zweites Zuhause, in der wiederkehrenden Hoffnung, mit dem erwarteten Spielgewinn eine Verbesserung der alltaeglichen Lebenssituation oder einen Ausweg aus bereits total verschuldeten Lebensverhaeltnissen zu finden. Fast logisch, dass gerade das Gegenteil der Fall ist: die immer groesser werdenden Wettschulden fuehren zu immer groesserer Ausweglosigkeit und die Wettsucht fuehrt parallel zur Alkoholsucht.
Leider bietet die Kirche hier mit ihren rein gottesdienstorientierten Angeboten keinerlei Hilfestellung fuer die alkoholabhaengigen Menschen mitsamt ihren Familien. Die Katholische Kirche versagt im sozio-pastoralen Bereich auf ganzer Linie. Die Jesuiten haben die Not erkannt und bauen allmaehlich in Tamil Nadu Hilfsangebote auf wie die Einrichtung von Selbsthilfegruppen (Anonyme Alkoholiker) und die psychologische Betreuung von geschaedigten Familienmitgliedern.






Es gaebe so viel zu berichten ueber das Leben hier in den Nilgiri-Bergen, aber wir picken einfach ein paar Besonderheiten heraus, die wir zu Hause gerne in weiteren Gespraechen vertiefen koennen. So leben bei-spielsweise in der Nilgiri-Region noch heute 6 verschiedene Staemme der in Tamil Nadu ansaessigen 32 Bergvoelker, die sog. Tribals. Eine zufaellige Begegnung mit dem Leiter des Tribal-Forschungszentrums brachte uns eine Einladung zu einem Kulturfestival der Tribals ein. Anscheinend ist es seit 15 Jahren zum 1. Mal gelungen, verschiedene Bergstaemme zusammenzubringen. Wir konnten als einzige auslaendische Ehrengaeste einen ganzen Tag lang in Freiluftatmosphaere im Nilgiri-Hinterland verschiedenste Taenze und Gesaenge etlicher Bergstaemme bewundern. Einige praegnante Gesichter, Haar- und Kleidertrachten sind auf den nachfolgenden Bildern zu sehen.
 
Bereits zu Kolonialzeiten pflegten die Toda einen engen Kontakt zu den Briten, was moeglicherweise der Grund dafuer ist, dass sie in der heutigen Gesellschaft weitestgehend integriert, wirtschaftlich aktiv und ausgebildet sind. Unter ihnen finden sich viele Grundstuecksbesitzer (Landlords) und Eigentuemer von Teeplantagen. Die meisten Mitglieder der anderen Bergstaemme schweben zwischen zwei Welten, wobei sie weder ihre originaere Kultur bewahren noch sich in der „anderen“ indischen Welt zurechtfin-den koennen. Gegenwaertig werden von der Regierung Tamil Nadus Anstrengungen unternommen, den Kindern mittels mobiler Schulen (Lehrer fahren woechentlich die Bergdoerfer ab) lesen und schreiben beizubringen. Ausserdem wurden an zentralen Bergorten Schulen mit Unterbringungsmoeglichkeiten errichtet, in denen die Kinder mehrerer Doerfer gesammelt und unterrichtet werden. Die Mitarbeiter des Tribal-Forschungszentrums fahren immer wieder alle Bergdoerfer ab und bieten Abende/Vortraege zu Gesundheitsthemen, Jobmoeglichkeiten, zur Veraenderung/Modernisierung des Lebensalltags, Alkohol-praevention, Vermarktung von handwerklichen Arbeiten etc. an. Interesse und Bedarf sind gross.
Waehrend die aeltere Generation ihren Lebensunterhalt noch als Toepfer, Gold-/Silberschmid, Flechter, Elefantentreiber, Kraeuter-/Wurzel-/Honigsammler verdiente, arbeiten diese Menschen heute oft als Tageloehner in Teeplantagen, als Bauarbeiter im Strassen-/Hausbau oder haengen (alkoholabhaengig) herum. Umso positiver fanden wir die Beteiligung und das Interesse so vieler Staemme an dem Kultur-programm, wo sie ihre Herkunft und ihr kulturelles Erbe stolz praesentieren konnten. Zumindest in diesen Stunden war der traurige Lebensalltag verdraengt.


Je tiefer wir Einblick in die gesellschaftlichen, politischen und kirchlichen Strukturen Tamil Nadus bzw. Indiens erhalten, umso auswegloser erscheint uns die Situation der vielen total verarmten und ausgegrenz-ten Menschen, aber umso wertvoller finden wir die Arbeit der Jesuiten, die sich gerade dieser Menschen vorrangig durch Vermittlung von Wissen und der Ermoeglichung einer Ausbildung annehmen. Die Schueler der St. Joseph’s Industrial Schule gehoeren (wie in Ranipet) uebrigens auch der 1. Lerngenera-tion einer Familie an, d.h. dass die meisten Eltern unserer Schueler hier noch nie zur Schule gegangen sind oder teilweise weder lesen noch schreiben koennen. Es spricht Baende, dass es in Ooty eine Schule fuer Analphabeten gibt. Die grossen Gegensaetze Indiens als wirtschaftlich aufstrebender Kontinent und als Atommacht und andererseits die durch das Kastenwesen unterdrueckte, ausgegrenzte und unterent-wickelte Gesellschaft machen uns immer wieder schwer zu schaffen, denn man kann nicht einfach ueber alles hinweggehen und ueber alles hinwegsehen. Dennoch muessen wir auch unsere eigene Ohnmacht eingestehen und machen uns in vielen Situationen das gaengige Schlagwort „What to do?“ (So ist es halt, was solls) zu eigen. Sonst koennte man entweder ausflippen oder ob der Aussichtslosigkeit vollkom-men deprimiert werden. Wir sehen unseren Einsatz zwischenzeitlich wirklich als einen kleinen Tropfen auf den heissen Stein.





Wir wollen unseren Bericht aber keineswegs mit einem Stimmungstief, sondern mit dem absoluten High-light unseres Ooty-Aufenhaltes beenden: Es ist uns gelungen, einen Affenbaum ausfindig zu machen und mit einem indischen Tiger mutig in trauter Annaeherung auf Tuchfuehlung zu gehen. Das sieht man doch nicht alle Tage, oder?
 
Mit diesen Zeilen findet unser „Ooty-Abenteuer“ sein Ende (und hoffentlich auch der penetrante Besuch unzaehliger Floehe in unserem Quartier) und wir kehren ins heisse Ranipet zurueck.


Bis dann: PARPOOM,


Eure/Ihre


Mary und Turgay



aus der Mail vom 15.04.2010


Liebe Indienfreunde und –interessierte,
Ereignisse sind erfahrungsgemäß relativ kurzlebig; wahrscheinlich haben die meisten von Euch/Ihnen beispielsweise die Ostertage bereits wieder „abgelegt“. Das ist bei uns nicht anders, dennoch können wir dank unseres Berichtes manche Anlässe nochmals ins Gedächtnis zurückholen und eines 2. Blickes würdigen.
So halten wir dieses Mal die Osterwoche für erwähnenswert – beginnend mit der Palmprozession, die einem ein klein wenig das Gefühl vom Einzug in Jerusalem vermittelte:
Palmwedel, eine ca. 2-3 km lange Schlange (!) von Gläubigen allen Alters, viele bunte Gewänder, Gebete und Gesang (angeleitet mit den abgebild. Lautsprecheranlagen), Eselchen als Zaungäste am Straßenrand, orientalische Düfte von den Gewürzen der Straßenhändler, Teeshops und Jasmingirlanden etc.





Am Gründonnerstag fand im abendlichen Freiluftgottesdienst eine Fusswaschung von 10 ausgewählten Gemeindemitgliedern statt; die Karfreitagsprozession mit  abwech-selndem Kreuztragen entlang der durch den Nachbarort führenden 14  Kreuzwegstationen war nicht minder beeindruckend. Für mich war alleine das 2  stündige Mitmarschieren bei morgendlichen 38 Grad unter brütender Hitze ein  persönlicher Kreuzweg. überhaupt muss ich gestehen, dass diese  gottesdienstlichen Feierlichkeiten mit durchschnittlich 2 Stunden doch so manches  innerliche Stöhnen hervor-gerufen haben, zumal man mangels Sprachkenntnissen  weder mitbeten noch mitsingen kann. Ich bin mir sicher, bei uns zu Hause wäre die Beteiligung unter diesen Umständen marginal. Die Krönung war dann natürlich die Osternachtsmesse, beginnend um 23.30 Uhr bis 2.00 Uhr morgens. Die mitternächtliche Auferstehungsszene war filmreif (Jesus-Marionette wurde hinter  einem mit Pappe verkleideten Steinhaufen hochgezogen) und wurde mit  Halleluja-Rufen und einem kleinen Feürwerk begeistert beklatscht. Jeder  Gottesdienstbesucher erhielt am Ende der Osternachtsmesse vom  Gemeindepfarrer ein Ei. Für Euch/Sie zu Hause klingt das wahrscheinlich alles recht spannend und beeindruckend, bei uns war aber nach Ostern, was Gottesdienstbesuche betrifft, wirklich „die Luft raus“.


Zum Ausgleich gab es hier in Ranipet im Campus eine besonders schöne Osterbescherung:
Seit genau 01. April 2010 werden alle Lichter und Ventilatoren unserer Schule vollständig mit Solar-energie betrieben. Dank der zugeflossenen Projektspenden unserer Heimatgemeinde St. Michael Höfingen-Gebersheim und vielen privaten Spenderinnen und Spendern konnten wir das Solarprojekt realisieren. Dass wir zwischendurch grösste ängste ausstehen mussten, einer Scheinfirma aufgesessen zu sein, möchte ich nur am Rande erwähnen, denn allein die Anlieferung der Paneele und Batterien wurde genau 8-mal verschoben. Die sonstigen organistorischen, abwicklungstechnischen Umstände des Solarprojektes lasse ich „ad acta“ beruhen, schliesslich zählt das Endergebnis und die Freude aller am Nutzen der unbegrenzten, naturgegebenen Sonnenenergie. Ein wunderbares Ostergeschenk, an dem wir alle zu Hause – wenigstens bildhaft – gerne teilhaben lassen.



Die Solaranlage wurde von unserem Senior-Jesuiten Fr. Vedanayagam gesegnet, von den Schülern mit Räucherstäbchen eingeduftet und mit Sandelholzpuder bestreut. Es war ihnen schwer zu vermitteln, dass wir den Puder anschliessend mit Lappen gleich wieder wegwischten, um das Einbrennen von Rändern durch die sengende Sonne zu verhindern.
Da Turgay zwischenzeitlich in Indien (Gujarat) einen vernünftigen Anbieter von Solaranlagen mit an-gemessenen Preisen gefunden hat, versuchen wir, das Solarprojekt mit den restlichen Spendengeldern noch auf unseren Wohnbereich und/oder das Hostel ausdehnen. Das ist wirklich famos. Innerhalb der Chennai Mission ist Turgay zwischenzeitlich als „Solar Turgay“ bekannt. Er soll nun an einem weiteren Schulstandort der Jesuitenmission (in Kuppayanallur) die Einführung der Solartechnik realisieren.


Vom Alltagsleben in der Schule nun ein Schlenker zum Leben der Kirchengemeinde St. Mary’s in Ranipet. Leider sind wir – ausgenommen der sonntäglichen 6.30 Uhr Messe – nicht in die gemeindlichen Aktivitäten eingebunden. Trotz mehrmaliger Anfragen und Versuche gelingt es nicht, in den „inneren Zirkel“ der indischen Gesellschaft, zu der m.E. auch die Kirchengemeinde zählt, vorzudringen. So bleibt es bei einer äusseren Beschreibung des Gemeindelebens.
Vergleichbar mit unserem System gibt es auch hier einen Kirchengemeinderat unter dem Vorsitz des Gemeindepfarrers. Der KGR ist für den Haushalt, Gemeindefeste, bauliche und strukturelle Angelegen-heiten verantwortlich. Daneben exisitieren mehrere sog. „Sozialarbeits-/charity work“-Gruppen, entweder Fraün- oder Männergruppen, die sich um die verschiedensten Bedürfnisse der Menschen vor Ort kümmern. So werden beispielsweise Kleider gesam-melt und an Bedürftige verteilt, Medikamente organisiert, finanzielle Unterstützung im Einzelfall gewährt etc. Extra Fraüngruppen unternehmen Haus- und Krankenbesuche etc.
Jedes Gemeindemitglied (sog. „parisher“) besitzt ein Familienbuch, in dem Einträge über Familien-stand, Kinder und z.B. auch die Einkommenshöhe enthalten sind. Der Katechist besucht jedes Haus, um die Kirchensteuer in angemessener Höhe einzusammeln. Leider konnte mir niemand einen festen oder prozentualen Betrag dieser Angemessenheit nennen. Der biblische Zehnt und darüber wird aber von den wohlhabenderen Gemeindemitgliedern als selbstverständlich abgegeben. Die Priester werden übrigens von der Diözese besoldet.
In Ranipet mit seinen Teilsiedlungen gibt es insgesamt 22 basiskirchliche Gemeinschaften (basic christian communities), die sich wöchentlich/zweiwöchentlich unter Anleitung eines Laien in einem Privathaus treffen und im Einzelfall bis zu 50 Mitglieder umfassen. Sie entsprechen im weitestens Sinne unseren Bibelteilen- und Gespächsgruppen. Da man übrigens wirklich Knie an Knie auf dem Boden sitzt, ist die Unterbringung so vieler Menschen kein Problem (in schwäbisch: D’leit lasset sich beiga). Darüber hinaus gibts in der St. Mary Gemeinde noch einen Kirchenchor; ein Pfarrbrief mit versch. Ankündigun-gen (aber ohne statistische Zahlen) wird an Ostern und Weihnachten verteilt. Religionsunterricht findet in der Schule (bei kirchlichen Trägern) statt, zeitgleich erhalten die Hindu- und Moslemschüler „moral lessons“. Zusätzlich erteilen vor allem Schwestern, die es übrigens hier in Indien in erheblicher Anzahl und den verschiedensten Orden zugehörig gibt, Bibelunterricht. Auch Laien wie beispielsweise Religionslehrer oder ausgebildete Katechisten geben nach der Sonntagsmesse Bibelunterricht, in dem Gebete, 
Lieder, Rosenkranz etc. eingeübt werden. Da es in Indien nach wie vor genug weibliche und männliche Ordensleute als auch Priester gibt, „ermuntern“ die katholischen Bischöfe die Laien nicht, sich als Kommunionhelfer ausbilden zu lassen. Wahrscheinlich würden sie angesichts der hohen priesterlichen Präsenz auch nicht akzeptiert werden. Einmal jährlich bietet die Diözese eine 10-tägige Bibelschule an, vergleichbar mit unseren Bibelwochen. Allerdings sind die Teilnehmer eher Jugendliche und Erwach-sene jeden Alters und der Besuch ist sehr rege. Dies gilt auch insgesamt für die Sonn- und Feiertags-gottesdienste. Grundsätzlich findet täglich eine Messe statt. In jedem Wohngebiet von Ranipet existiert eine kleine Kapelle und auch dort wird täglich alternierend Messe gehalten.
Für viele in Deutschland klingt das utopisch, schaut man allerdings hinter die Kulissen, so bedeutet das, dass beispielsweise diese tägliche Messe teilweise mit nur 3-5 Leuten gefeiert wird. Auch behaupte ich, dass wir in Deutschland der Institution Kirche und ihrem „Personal“ (wie so vielen anderen Dingen im Leben) einfach kritischer gegenüber stehen, nicht mehr alles ungefragt hinnehmen und vor allem in den Priester und Ordensleuten nicht mehr die Autoritätspersonen sehen, die sie vor Jahrzehnten noch darge-stellt haben und sie es hier immer noch sind. Insgesamt erscheint mir die Glaubensausübung extrem traditionell (s. auch fast ausschließlich Mundkommunion) und sie erfolgt mit vielen symbolhaften „Beimischungen“ vor allem der konvertierten Hindu-Christen. Das wiederum ist spannend.


Das Schuldasein ist für unsere Schüler nun auch seit wenigen Tagen zu Ende gegangen. Sie werden die nächsten beiden Monate in entsprechenden Firmen ein Praktikum ableisten und lediglich zur staatlichen Fachprüfung am 22./23.06. nochmals hierher in die Schule kommen. Unser Schulleiter und ein Fachleh-rer waren bei Suche nach Praktikantenstellen ausserordentlich behilflich. So sind beispielsweise die meisten Studenten im „Grosspaket“ (Gruppe ab 12 Schülern aufwärts) an Autowerkstätten, Elektro-firmen, Klima-Lüftungsfirmen vermittelt worden. Für Viele wird das der Einstieg in ein späteres Arbeitsleben ggf. bei diesen Firmen sein. Bei der Abreise mit ihren kleinen Rucksäcken und Reiseta-schen herrschte grosse Aufregung und wir waren ganz gerührt angesichts dem Händewinken und den Abschiedsrufen „See you in June Ma’am and Sir“. Die 6 Mädchen der Computerklasse sind übrigens sang-, klang- und grusslos verschwunden. Angesichts dem seit Monaten immer frecheren Benehmen der Schülerinnen (lügen den Schulleiter schamlos an, schminken sich im Unterricht, senden unserem Jesuitenschüler unverschämte SMS.....) und dem gesteigerten Desinteresse am Unterricht war es uns letztlich egal, die Damen so von Dannen ziehen zu sehen. Mal sehen, ob sie bis zur Fachprüfung im Juni noch etwas von dem Gelernten wissen.


Während zwischenzeitlich in Deutschland der Winter anscheinend so allmählich verschwindet, können wir täglich mit satten 41/42 Gad Hitze und enormer Luftfeuchtigkeit aufwarten. Wir schwitzen so vor uns hin und sind deshalb froh, ab 28.04. in den auf 2240 m liegenden Bergort Ooty wechseln zu können. Mal sehen, was uns dort erwartet und wie lange wir letztendlich dort sein werden, die Kommunikation mit der dortigen Community reicht bisher gegen null. Der kürzliche Besuch eines unserer verantwortlichen Jesuiten zur „Inspektion“ unserer Unterkunft in Ooty brachte lediglich zutage, dass „es für uns machbar sein müsste“. Was immer das bedeutet. Es bleibt also nach 7,5 Monaten Indien weiterhin spannend. Wir werden aber in jedem Falle zum Abschluss des Schuljahres (auch wegen der Fortführung des Solarpojektes), also spät. am 22.06. wieder in Ranipet sein.


Bis zum nächsten Rundbrief mit unseren Erlebnissen aus Ooty schicken wir viele Sonnenstrahlen nach Deutschland, auf dass der Frühling richtig Einzug halte. Ganz herzliche Grüsse und allen Spenderinnen und Spendern nochmals
 
ROMBA NANRI (vielen Dank)
Eure/Ihre




Mary und Turgay     mit Klein-Blacky


aus der Mail vom 14.3.10

Liebe Indienfreunde und –interessierte,


seit genau 1 Woche sind wir zurück aus Sri Lanka. Aufgrund der Visabestimmungen mussten wir Indien nach längstens 180 Tagen Aufenthalt am Stück verlassen. Allerdings hatten wir (fast als Einzige der IndienVolunteers) das Glück, keiner 2monatigen Einreisesperre zu unterliegen. Wie das geht? Mit mehreren Gängen/Fahrten zur lokalen und überörtlichen Polizeibehörde (pro Weg 1 Fahrstunde) in ihrer Funktion als Ausländerbehörde. Dort wurden wir dann jeweils für bezauberndes Strahlen, anhaltendes Schwärmen über Indien und insbesondere finanzielle „Unterstützungsleistungen“ der Angestellten reichlich mit Stempeln belohnt. Im Leben bekommt man halt nichts geschenkt und Indien steht immerhin auf Platz 7 der Liste über die korruptesten Staaten der Welt.


[...]

Nachdem wir hier in Ranipet wieder in unsere Alltagswelt eintauchen, wollen wir uns in diesem Rundbrief dem heiklen Thema der Unberührbarkeit (die sich durch alle Religionen durchzieht !) widmen.
Dabei beziehe ich mich auf Daten und Texte aus dem von mir kürzlich übersetzten Buches „Die Rechte der Ausgegrenzten“ des Jesuiten Francis P. Xavier SJ (Loyola College Chennai – 01/2010)
Seit der Verkündigung der Allg. Menschenrechtserklärung und der Indischen Verfassung sind bereits 60 Jahre vergangen. Entsprechend Artikel 17 der Indischen Verfassung ist das Kastenwesen und die damit einhergehende Benachteiligung von Unberührbaren (sogenannte Dalits) abgeschafft; aber die Rechte der Dalits in Indien sind bis heute noch nicht umgesetzt. Ein paar Zahlen zum Thema:
11 Mio. Dalits in Tamil Nadu machen 20 % seiner Bevölkerung aus, davon leben 50 % unter der Armutsgrenze. Der hiesigen katholischen Kirche gehören ca. 70 % Unberührbare an.
Während die Alphabetisierungsquote in ganz Tamil Nadu 63 % beträgt (64 % der männlichen, 47 % der weiblichen Bevölkerung), können nur 39 % der Dalits lesen und schreiben. 80% der Dalits haben keinen Schulabschluss. Fast 90 % aller verarmten Inder und 95 % der Inder, die nicht lesen und schreiben können, sind Dalits.
In Tamil Nadu sind 70 % der Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt, davon sind Zweidrittel Unberührbare. Kaum einer von ihnen hat eigenen Grundbesitz oder nur ganz kleine Parzellen von weniger als 0,4 ha. Insgesamt leben 90 % der Dalits in ländlichen Gebieten. Trotz bestehender Verbote sind 40 Mio. Menschen in Indien, die meisten davon Dalits, in einem persönlich abhängigen Arbeitsverhältnis (“verpfändet” sozusagen mit Leib und Leben), um beispielsweise Schulden selbst aus vorhergehenden Generationen zu tilgen.
Entsprechend der Volkszählung in Indien im Jahre 2001 sind 16 % der Gesamtbevölkerung Dalits (SC, scheduled castes). Die meisten davon leben in Uttar Pradesh, gefolgt von Westbengalen, Bihar, Andra Pradesh und Tamil Nadu. Diese fünf Staaten zusammen umfassen fast 55 % der SCBevölkerung.


Die Ausübung von Praktiken zur Diskriminierung der Unberührbaren stellt nach indischen Gesetzen einen Straftatbestand dar, dennoch werden sie im Alltag sowohl innerhalb der Gesellschaft als auch der Kirche immer noch praktiziert. Die Dalits dürfen nicht mit Slippern auf Strassen höherrangiger Kasten laufen; an Teeständen (in ungefähr 700 Dörfern Tamil Nadus) wird ihnen Tee in Aluminiumbechern oder in Kokosnussschalen ausgeschenkt, die sie nach Gebrauch eigenhändig ausspülen müssen. Stündlich werden 2 Dalits angegriffen; täglich 3 weibliche Dalits (tot)geschlagen, 2 Dalits getötet und 2 Hütten von Dalits niedergebrannt. Bei sexüllen übergriffen spielt das Thema der Unberührbarkeit aus welchen Gründen auch immer keine Rolle! Einem Bericht von Amnesty International aus dem Jahre 2001 zufolge gibt es eine extrem grosse Anzahl sexueller Übergriffe auf Frauen der unberührbaren Kaste, die häufig von Grundbesitzern, Dorfmitgliedern höherrangiger Kasten und Polizeibeamten begangen werden.
Die Situation der Dalits innerhalb der Katholischen Kirche ist gleichfalls alarmierend. So führt beispielsweise die Fronleichnamsprozession oder der Umzug anlässlich des Festes des/der Gemeindeschutzheiligen nicht durch Strassen, deren Bewohner Unberührbare sind. In den meisten Orten existieren getrennte Friedhöfe für die Toten von Kastenangehörigen und und denen der Dalits und selbst der Leichenwagen, der den Leichnam zum Friedhof bringt, ist verschieden: Es gibt einen für kastenzugehörige Katholiken und einen für die Dalit Katholiken. Ausserdem werden nicht nur die verstorbenen Dalits von den anderen Toten durch eine Maür getrennt, sondern auch die Lebenden: In Uthapuram, in der Nähe von Madurai, werden DalitHäuser durch eine Maür von den Häusern anderer Bewohner getrennt. Man braucht nicht zu fragen, auf welcher Seite der Maür die Katholische Kirche steht. Die Kirchenhierarchie hat in diesem Fall keinerlei Anstrengungen unternommen, diesen gesellschaftlichen Missstand zu beseitigen und zieht sich auf ihren Anspruch lediglich als geistliche Macht zurück.
Ein aktueller Bericht in der gestrigen Zeitung gibt ein weiteres Beispiel aus dem Alltagsleben in der Provinz Madurei/Tamil Nadu. Der in einem Dorf ansässige Frisör war bereit, seine Dienste sowohl Leuten höherrangiger Hindukasten als auch Unberührbaren anzubieten. Die Ersteren gingen daraufhin lieber zu dem 7 km entfernten Frisör (zu Fuss wohlbemerkt). Bei nur 63 DalitFamilien im Dorf gegenüber 300 höheren Hindufamilien konnte der Schneider deshalb kaum finanziell überleben. Um ihn aber dennoch im Dorf zu halten (und vor allem gegen die offene Diskrimninierung der Dalits vorzugehen), erhält er jetzt von der Distriktverwaltung kostenlos ein Haus und ein monatlich festgelegtes Grundgehalt. Dummerweise verweigert der Ortsvorsteher (Angehöriger einer höheren Hindukaste) dem Frisör nun die Stromverbindung.
Wer Lust hat, literarisch tiefer ins indische Alltagsleben einzutauchen, dem empfehlen wir zwei hierzu passende Romane von Anita Nair „Ein besserer Mann“, „Das Salz der drei Meere“.


Wie eingangs erwähnt, zieht sich das Thema Unberührbarkeit durch alle Religionen hindurch. So sind beispielsweise Vorfahren indischer Muslime einst zum Islam übergetreten, weil sie aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu niedrigen Hindukasten benachteiligt waren. Ausgerechnet sie bekämpfen nun im Nord/Nordosten Indiens die Bestrebungen von christlicher Seite, Dalits auf dem Lande durch Aus und Weiterbildung zu stärken. Die meisten Katholiken Indiens gehören unteren Kasten an oder sind Dalits. Das ändert sich auch nicht durch die christliche Taufe. Fr. Francis sagt in seinem Buch „ Scheinbar hat Christus die Menschen von allen Sünden erlöst mit Ausnahme der Sünde, als Dalit geboren zu sein! Und scheinbar können wir sogar dem Satan durch die Taufe widersagen, aber es gelingt uns nicht, das übel des Kastenwesens und der Unberührbarkeit innerhalb der Katholischen Kirche zu beseitigen!“
Es gäbe noch viel zu diesem Thema zu berichten! Die Frage am Ende bleibt, was man gegen die soziale, gesellschaftliche und kirchliche Diskriminierung der Unberührbaren unternehmen kann. Die Jesuiten legen ein Hauptaugenmerk auf den Ausbildungssektor, denn den ausgegrenzten Menschen fehlt es nicht an intellektüllem Potenzial. Den Kindern und Jugendlichen fehlt es an einer effizienten Grundausbildung, an finanziellen Mitteln für Schulgebühren, an einem Vorbild im Familienkreis (sie gehoeren oft zur 1. Lerngeneration in der DalitFamilie), an Selbstbewusstsein und adaequaten Zugangsmöglichkeiten zu Eliteschulen in laendlichen Gebieten. Neben den klassischen Schuleinrichtungen müsste man im laendlichen Raum nun vor allem handwerkliche Ausbildungsstaetten errichten. Unsere Schule in Ranipet ist ein Paradebeispiel dafür. Wir haben genau den o.a. Schülerkreis, tun uns aber auch ordentlich schwer, diese jungen Menschen vom Gebot der Stunde, naemlich Ausbildung, zu überzeugen und sie immer wieder aufs Neue zu motivieren. Da leisten die Jesuiten unseres Erachtens Bewundernswertes.


Nach der etwas „schweren Kost der Unberührbarkeit“ wollen wir Euch/Sie noch mit „der Leichtigkeit des Seins“ zum Schmunzeln bringen und einige Anekdoten unseres Alltags erzählen.


Unsere Köchin Sabina fährt wegen wiederkehrender Mandelentzündungen immer wieder mal zur Behandlung nach Hause. Das Ergebnis dieser Behandlungsfahrten ist, dass wir zwischenzeitlich bereits ihre Kleinfamilie hier beherbergen und durchfüttern. Letztes Jahr brachte sie zunächst ihre jüngste Schwester (2mal schon den Hauptschulabschluss nicht geschafft) mit hierher in der Absicht, dass diese dann in einem künftigen Krankheitsfall für uns kochen kann. Leider hat das Mädchen bis heute keine Vorliebe fürs Kochen entwickelt, besucht stattdessen dank der Großzügigkeit der Jesuiten kostenlos die Computerklasse mit allerdings unterdurchnittlichen Lernergebnissen; meinem Englischunterricht kann sie, den Klassenarbeiten nach, wohl gar nicht folgen. Aber sie laesst sich davon nicht irritieren und nimmt die angebotene „Gastfreundschaft“ ohne weiteres in Anspruch. Der letzte Krankheitsausfall Sabinas wurde küchenmässig mit der extra angereisten groesseren Schwester einigermassen abgedeckt. Sie hat sogar EINMAL Küche und Esszimmer geputzt! Es scheint ihr bei uns so gut zu gefallen, dass sie trotz Sabinas Rückkehr immer noch hier ist. Abreisedatum nicht fixiert....


Nicht nur Sabinas Familienmitglieder suchen ein gutes Plätzchen:
Alles Vieh aus umliegenden Siedlungen oder woher auch immer grast sich täglich wohlig in unserem Campus durch, mampft die feinen, neuen Triebe der Kokos und Bananenpalmen ab und zieht dann so gegen 17.30 Uhr (oder manchmal auf Turgays energisches ho ho ho) ab. Leider haben wir ein nach drei Seiten offenes Gelände, so dass einfach jedes Wesen hier rumspazieren kann. Am einzigen Eingangstor zum Campus sitzt der alte Waechter, der sich nicht mehr daran zu erinnern scheint, was eigentlich eines Wächters Pflichten sind. In seiner Freundlichkeit laesst er selbst fremde Leute rein, die dann die Kokospalmen abernten, obwohl wir durch den Verkauf der Kokosnüsse eine kleine Einnahmequelle hätten. Auch Männer und Frauen der angrenzenden Baustelle (Pfeiler der neuen Zuglinie führen durch unseren Campus) haben die Wasserhähne am Schulgebäude und beim Hostel entdeckt. Sie marschieren ungeniert im Campus herum und füllen ihre Wasserkanister auf, waschen sich etc. Erst kürzlich haben wir zufällig entdeckt, dass sich ein paar Männer im 1. Stock unserer Schule ein Nachtquartier eingerichtet haben.
Und dann ist da noch unsere Haustiergemeinschaft, die mittlerweile auf 3 Hundchen angewachsen ist: Ursprünglich war da nur Mr. Ravi, 10 Jahre alt, bekommt schon eine graue Schnauze, kann nicht bellen, nur heulen, verteidigt aber sein Revier lautstark, wenngleich aufgrund seines Alters erfolglos. Er ist vollkommen verbissen und verlaust, aber lieb. Zur Unterstützung hat er eines Tages den kleinen Schwarzen “Blacky“ mitgebracht, der schon ziemlich gewachsen ist und ihn lautstark bellend begleitet. Die gegen-seitige Zuneigung hört allerdings beim Fressen auf. Die Beiden bekommen deshalb an ziemlich weit auseinanderliegenden Stellen ihre Fressration. Und jetzt haben wir da noch den ca. 3 Wochen alten putzigen Welpen Browny, der von seiner Mutter hier abgestellt wurde. Es scheint sich herumgesprochen zu haben, dass unsere Residence ein futtersicherer Platz ist. Sabinas grosse Schwester will ihn dann bei Abreise mitnehmen.


Viele kleinere und größere Begebenheiten bereichern darüber hinaus unseren Alltag. Manchmal entdecken wir selbst erst beim Sichten der Photos die witzigen Momente oder auch die Einmaligkeit der Situation wie z.B. die nachfolgenden ...






Alle, die unsere Vorliebe für Kaffee und Kuchen kennen, werden über dieses Bild nicht erstaunt sein. Endlich ist uns die Eröffnung des CAFE ERINC auf dem Autoabstellplatz vor unserem Wohnbereich gelungen. Wir haben zwischenzeitlich bereits ein „Upgrading“ durchgeführt und Porzellantassen und einen kleinen Beistelltisch erworben. Sogar unsere Jesuiten haben sich schon umfassend in die europ. Trinkkultur (also auch außerhalb Kaffee oder Tee) einführen lassen.


Mit diesem kleinen Bilderreigen wollen wir uns bis zum nächsten Rundbrief verabschieden. Dabei geben wir gerne den „elephant blessing’ an Euch/Sie alle weiter.


Mit herzlichen Grüßen, Eure/Ihre
Mary und Turgay


aus der Mail vom 02.02.10


Liebe Indienfreunde und –interessierte,
das neue Jahr ist genau 33 Tage alt und damit noch jung genug, um Euch/Ihnen allen ein wirklich gutes, glueckliches, aushaltbares, gesundes und spannendes neues Jahr zu wuenschen. Hier in Ranipet hat es uns seither – und damit im krassen Gegensatz zu Deutschland – ausschliesslich Sonne beschert.


Anknüpfend an unseren Weihnachtsgruss berichten wir heute vorrangig von den Reiseabenteuern der vergangenen Wochen. Nach Weihnachten trieb uns die Sehn-sucht nach weitem Horizont und Meer zunaechst fuer 2 Tage nach Chennai, wo wir uns zum ersten Mal seit unserem Aufenthalt in Indien den Luxus eines Hotelzimmers in der Naehe des Marina Beach leisteten.
Dort am Strand haben wir dann auch die meiste Zeit verbracht. NEIN, nicht mit Baden oder Sonnen, sondern nur mit „Schauen“, denn die unberechenbare Stroemung, Wellen, ziemlich verschmutztes Wasser und insbes. die indische Kultur ermutig-ten uns nicht, ein kuehles Bad zu nehmen. Das bedeuet aber nicht, dass keiner ins Wasser ginge. Im Gegenteil: der Strand ist richtig bevoelkert mit Maennern, Frauen, Kindern jeden Alters, die in „voller Montur“ bis zu den Knien bzw. ganz Wagemutige bis zum Bauch ausgelassen im Meer plantschen. Eine wahre, und wie gesagt stundenlange Freude, diesem Treiben zuzusehen.



Die Praesentation der neuesten Bade-mode ist allenfalls an touristischen Plaetzen wie Goa und teilweise Kerala angebracht. Noch ist unser Anpassungs-prozess an die hiesige Kultur nicht soweit fortgeschritten, dass wir es den Indern gleichgetan haetten und nach dem Umspuelen mit sandig brauner Meeres-bruehe auch noch stundenlang mit nasser Unterwaesche und Oberklamotten rumlaufen wollten.
Das Abenteuer Chennai erreichte dann fuer uns „Landpomeranzen“ aus Ranipet beim Bummel in Chennais neuestem Shopping-Center dergestalt seinen Hoehepunkt, dass wir nach 3,5 Monaten zum ersten Mal einen richtigen Cappuccino und Espresso genossen. Nichts hat je koestlicher geschmeckt! Ansonsten herrschte aufgrund der freien Festtage und vieler Sonderangebote noch mehr Rummel und Betriebsamkeit als ueblich. Ganz wichtig ist es, mit moeglichst vielen Saris, Kurtas und vor allem Schmuck im Alltag aufmarschieren zu koennen. Das ist ein Zeichen von Wohlstand und ich werde immer unglaeubig, fast mitleidig angesehen, wenn ich bei der Frage nach der Anzahl der gekauften Kleider abwinke. Man hat mir nun bereits zum zweiten Mal Modeschmuck geschenkt, damit ich nicht so poor (arm) aussehe. Insgesamt befindet sich die Wirtschaft Tamil Nadus im Aufwind. Es wird konsumiert, gekauft, gegessen, vergnuegt und gereist, jeder nach seinem Masse. Reisen bedeutet hier wohlge-merkt immer Familienausflug; eine Oma ist todsicher immer dabei. So gibt es beispiels-weise im Zug oder Bus ein staendiges Plaetzeruecken, bis alle beisammen sitzen. Das muss notwendigerweise auch so sein, denn ueber kurz oder lang wird das mitgebrachte Essen ausgepackt und verzehrt. Waehrend das Gepaeck von Auslaendern (vor allem die grossen Tramperrucksaecke) neugierig beaeugt wird, staunen wir unsererseits am indi-schen Reisegepaeck, das viele kleine Toepfchen, Schuesselchen (also unsere Tubberware) und Bananenblaetter enthaelt. Letztere dienen dann als Essunterlage.



Unsere naechste Reiseetappe fuehrte uns der Kuste entlang weiter suedwaerts nach Mahabalipuram mit seinen wunderschoenen Tempelanlagen. Der zum UNESCO-Weltkulturerbe erklaerte „Shore-Tempel“ liegt exponiert auf einer ins Meer ragenden Landzunge; seine weitere Besonderheit liegt in dem 10-fachen Eintrittspreis fuer Auslaender gegenueber Indern. Das fanden wir deshalb so ungerecht, weil viele sehr wohlhabende indische Familien und Reisegruppen z.B. aus Nordindien oder auch aus USA sicherlich denselben hohen Eintrittspreis bezahlen koennten.
Waehrend unserer Tage in Mahaballipuram fand ein indisches Tanzfestival statt und wir entschieden uns fuer zwei bestimmte Tanzvorfuehrungen aus dem Bundes-staat Kerala (Sueden) und Punjab (Norden). Das Programm wurde dann allerdings „ausnahmsweise“ geaendert. Wir hatten trotzdem unser Vergnuegen an dem farbenfrohen Spektakel.






Und als 3. und letzte Etappe unserer Neujahrsreise erreichten wir Pondicherry, deren franzoesische Vergangenheit noch heute stolz praesentiert wird. So gibts dort in einem kleinen Viertel Strassenzuege mit franzoesischen Namen, nette kleine franz. angehauchte Restaurants und Bars, sogar eine Baeckerei mit frischen Croissants und Baguette. Der Uebergang von den fuer Touristen hergerichteten 3 Strassenzuegen ins indische Viertel der Stadt ist fliessend und grass. Waehrend „Kleinfrankreich“ taeglich gereinigt wird, die Hausfassaden bemalt und Bepflanzungen angebracht werden, findet man sich ab dem 4. Strassenzug im allgegenwaertigen Dreck wieder. 
In Pondicherry verbrachten wir auch die Neujahrsnacht unter Menschenmassen entlang der Uferpromenade. Puenktlich um Mitternacht setzte – bei erheblicher Polizeipraesenz – Geknalle und Boellerei ein; nach 1 Std. war der Spuk dann vorueber. Am Neujahrstag verlief eine Wohltaetigkeitsralley mit Auto-rickshaws durch Pondi. Turgay und ich liessen es uns nicht nehmen, wenigstens bildmaessig daran teilzunehmen.



Kaum zurueck in Ranipet, standen bereits 1 Woche spaeter die 5-taegigen Pongal-Ferien an. Pongal ist das ausschliesslich in Tamil Nadu zu Beginn des neuen Jahres gefeierte Erntedankfest der Hindus, an dem massenweise Pilger zu ihren heiligen Pilgerstaetten unterwegs sind, um fuer die reiche Ernte zu danken. Ein Tag dient speziell der Ehrung der Tiere, die mit ihrem Einsatz auf den Feldern ihren Teil zur Ernte beitragen. Sie bekommen neue bunte Stricke um den Hals, ihre Hoerner werden farbenfroh bemalt und mit Gloeckchen und Girlanden geschmueckt.
Turgay und ich besuchten waehrend dieser Zeit zwei unserer Volunteers in Bangalore und man muss feststellen: Willkommen in der grossen westlichen Welt mit saemtlichen gaengigen Modemarken, Autos, Geschaeften etc. Uns fiel zu allererst auf, dass dort alle Menschen mit Schuhen herumlaufen, denn bei uns auf dem Lande laeuft man entweder barfuss oder mit Badelatschen. Auch die Frauen trugen selbstbewusst Hosen, Jeans, enge T-shirts und kurze Kurtas, was in Ranipet undenkbar waere. Und noch viele andere Gegensaetze waren augenfaellig, z.B. → die Beregnung von Statuen in Bangalore (dort scheint kein Wassermangel zu herrschen), waehrend unsere Tamilen in den Fluechtlings-camps ueber einen erst kuerzlich installierten Wassertank gluecklich sind (von den Dorfbewohnern auf dem Lande ganz zu schweigen!), → unterschiedliche Kaffeegenuesse und –kulturen, → Wohlstandsgefaelle und Konsumpracht etc.







Bei all den erwaehnten Ferien und freien Tagen ist es nicht verwunderlich, wenn die Schueler kaum mehr in Lernlaune zu bringen sind. Manche sind seit den Ferien ueberhaupt nicht mehr erschienen, andere nehmen sich die Freiheit, erst mal mit ein paar Schultagen anzufangen etc. Seit 2 Wochen schon fallen taeglich bis zu 6 Schulstunden aus, weil schon wieder fuer das Mitte Februar stattfindende Schulfest geuebt wird. Tanzen und Theater als Pflege des Kulturgutes hat gegenueber dem Lernen absolut Vorrang; fuer uns in diesem Ausmass nicht nachvollziehbar. Alle ausserschulischen Aktivitaeten wie das derzeitige Angebot von Fahrschulunterricht (Motorrad und Auto) werden rege angenommen, auch wenn dadurch wieder Unterricht ausfaellt.


Was gibts sonst noch in Kuerze zu berichten?
Am 26.01.2010 war Republikday in Indien, d.h. morgens um 7.00 Uhr versammelten sich unsere Hostelboys im Schulhof, nach dem Gebet durfte Turgay die indische Flagge hissen (das ist nun wohl schon der 1. Schritt hin zur indischen Staatsbuergerschaft!) und anschliessend wurde die Nationalhymne gesunden. In groesseren Staedten erfolgten Umzuege mit Musik, Tanz, Ansprachen etc.
Ich hatte zwischenzeitlich die ehrenvolle Aufgabe bekommen, ein Buch unseres verantwortlichen Jesuiten in Chennai, Fr. Francis, ins Deutsche zu uebersetzen. Es gibt recht erschreckende Tatsachen ueber die gesellschaftspolitische und vor allem kirchliche Alltagswelt der Unberuehrbaren (Dalits) wieder. Die Uebersetzung war eine enorme und zeitraubende Herausforderung fuer mich, soll jetzt aber als Vorlage bei der Deutschen Bischofkonferenz praesentiert werden.
Vor zwei Wochen fand zum allerersten Mal ein gemeinsamer Ausflug aller Community-Mitglieder statt. Wir hatten mehrfach unser Anliegen vorgetragen und waren echt gluecklich, dass einmal ein Gemeinschaftserlebnis moeglich war. Die ganze Tagesplanung und –organisation drehte sich ums Essen, d.h. erst nachdem die Oertlichkeiten fuer Fruehstueck, Mittag- und Abendessen feststanden, wagten wir die Frage, was denn sonst noch so unternommen wuerde. Fuer das „sonstige Rahmenprogramm“ waren wir dann zustaendig, wenngleich aufgrund der kulinarischen Fixpunkte kaum mehr Zeit fuer etwas anderes uebrig war. Letztlich schafften wir es noch bis Mahabalipuram, wo – anstelle der Tempelbesichtigungen (unsere Jesuiten haben sie noch nicht gesehen) genau 1,5 Std. Zeit fuer das eingangs beschriebene Wasservergnuegen verblieb. Insgesamt war es trotzdem ein gelungener und entspannter Tag. Wir werden sicherlich ein anderes Mal wieder solch einen Community-Ess-Picknick-Ausflug anregen.


Und zu guter Letzt:
Unser Freund und Hoefinger Gemeindemitglied Rudolf Hoyler hat uns in Ranipet besucht. Das war wirklich eine Freude. Wir holten ihn direkt vom Flughafen ab und er konnte 3 Tage indisches Alltagsleben pur erleben. Nun ist er fuer 1 Woche auf Reisen; die letzten beiden Tage vor seinem Abflug nach Deutschland werden wir uns nochmals treffen und in Chennai und Umgebung verbringen. Vielleicht finden sich Nachahmer????
 
In diesem Sinne herzliche Einladung und hearty welcome in Indien. Bis dann also,


Eure/Ihre


Mary und Turgay


aus der Mail vom 23.12.09

Liebe Indienfreunde und –interessierte,
 
Kaum war die Sportwoche (s. letzter Rundbrief) vorueber, standen die Halbjahrespruefungen und – was noch viel wichtiger war – die Vorbereitung der Weihnachtsfeiern im Hostel und in der Schule an.
Seit 2 Monaten bereits ist der Klassenlehrer der Automechaniker mit dem Vorschuss 1 Monatsgehaltes „abhanden gekommen“, d.h. er ist auf Nimmerwiedersehen verschwunden und trotz verschiedener Be-muehungen gelang es nicht, ihn ausfindig zu machen. Turgay und die anderen 3 Fachlehrer mussten daher in dieser Klasse mit aushelfen sowie die Pruefungen anhand alter Unterlagen vorbereiten. Besonders der praktische Pruefungsteil wurde deshalb ziemlich „abgespeckt“.
Uebrigens ist auch die Schulsekretaerin Mary seit 5 Wochen nicht mehr sichtbar, weil sie schlechte Blicke auf dem Weg zur Schule fuer ihre Fehlgeburt verantwortlich macht. Dabei war sie erst 4 Monate verheiratet, ist ein Ziehkind unserer Jesuiten, die ihr nicht nur die gesamte schulische und fachliche Aus-bildung sondern auch noch ihre Hochzeit finanziert haben. Da sie einige Jahre an der Schule taetig war, hat sie sogar Anspruch auf 3 Monatsgehaelter Abfindung. Dass sie einfach von einem Tag zum anderen wegblieb und nur ueber ihren Ehemann (der witzigerweise auch zu unsererm Lehrpersonal gehoert und genauso durchfinanziert wurde) den Grund ausrichten liess, war fuer unsere Jesuiten neben dem o.a. Lehrerabgang die 2. bittere Enttaeuschung in kurzer Zeitfolge. Von deren hoher Frustrationsschwelle koennen wir noch viel lernen.
Die Ausarbeitung der monatlichen Klassen- und Pruefungsarbeiten meiner beiden Englischklassen sind uebrigens auch mich stets eine Herausforderung, da die Notenspanne dieser Schueler von ungenuegend bis gut reicht. Trotzdem moechte ich ja gerade die schlechten Schueler mitziehen und nicht durch anhal-tend schlechte Noten noch mehr demotivieren. Darueber hinaus hatte ich die ehrenvolle Aufgabe, mit den Schuelern ein englisches Lied einzustudieren, das unter Anwesenheit hoeherer Jesuitenprominenz aus Chennai an der Schulweihnachtsfeier am 22.12. vorgetragen werden sollte. Das ABBA-Lied „I have a dream“ schien mir dafuer geeignet. Selbst unter Beteiligung einiger singbegeisterter Schueler/innen und trotz mehrmaligem Ueben war nicht annaehernd die Liedmelodie auszumachen. Auch vom Einsatz eines rhythmusgebenden Keyboards musste abgesehen werden, denn Gesang und Instrument lagen dauerhaft im Widerspruch. Diese Gesangsstunden haben mir wirklich ein paar graue Haare beschert. Die heutige Auffuehrung (22.12.) moechte ich nicht ausdruecklich erwaehnen. Dabei waere es eigentlich sooooo ein schoenes Lied..........



Da die neue Trinkwasseraufbereitungsanlage ebenfalls am 22.12. als Weihnachtsgeschenk fuer alle einge-weiht werden sollte, wurden letzte Woche trotz nochmaliger enormer Regenfaelle im Eiltempo die rest-lichen paar hundert Meter Graeben ausgehoben, die Leitungen verlegt, Anschlusse fuer die dezentralen Wasserbehaelter montiert und Podest und Schutzmauer fuer die eigentliche Filtereinheit auf dem Dach unseres Wohnbereiches hergestellt. Turgay und ich haben nicht mehr daran geglaubt, dass die Fertigstel-lung und Einweihung zum vorgesehenen Termin erfolgen kann. Doch wir wurden wieder einmal eines Besseren belehrt! Allerdings gabs keine bau- oder trinkwasserrechtliche Abnahme. Die Graeben wurden nach Verlegen der Leitungen einfach im Eiltempo zugeschuettet in der Hoffnung, dass alle Verbindungen dicht sind.





Mit diesen Schilderungen schliessen wir unseren Brief zum Ende des Jahres 2009 in grosser Dankbarkeit fuer
  • alle bisherigen guten Erlebnisse und Erfahrungen in der neuen Welt,

  • alle schwierigen Situationen, in denen wir auf SEINE Hilfe bauen konnten,

  • alle Menschen, die gedanklich mit uns in Indien weilen,

  • alle Freunde und Bekannte zu Hause, die durch die Uebernahme von Aufgaben und Diensten uns diesen einjaehrigen „Ausstieg“ mit ermoeglichen,

  • fuer alle Jesuitenvaeter und-brueder, die uns im Rahmen ihrer Moeglichkeiten jede entsprechende Hilfestellung zukommen lassen.


 
Ein gesegnetes Weihnachtsfest und ganz viele gute Wünsche für ein erfülltes Neues Jahr
Mary & Turgay



aus der Mail vom 08.12.09

Liebe Indienfreunde und –interessierte,


wieder liegen erlebnisreiche Wochen hinter uns, die durch besondere schulische Aktivitäten, religiöse Festivitäten und durch den lang ersehnten Monsunregen geprägt waren.
Heute möchten wir zu Beginn unseres Berichts allen lieben Menschen zu Hause für die großherzige Unterstützung unseres Einsatzes danken. Dank der Spenden sind nicht nur die Kosten der Jesuitenmission für unseren Einsatz gedeckt, sondern wir können darüber hinaus einzelne Vorhaben realisieren. Hierzu haben wir mit unserer Jesuitengemeinschaft Bedarf, Dringlichkeit und Prioritäten eruiert. Es ist von wirklich großem Vorteil, dass wir das Leben hier vor Ort teilen und deshalb auch „hinter die Kulissen“ sehen können. Nach längerer Diskussion haben sich mehrere Vorrangprojekte heraus kristallisiert, deren Notwendigkeit wir zu 100 % unterstreichen. Zwischenzeitlich ist Folgendes geschehen:






Die Jungs (unter Mithilfe des Schulleiteres Fr. Arul) haben zwei recht verwilderte Geländeabschnitte hinter der Schule und neben den WErkstatträumen mit großem Eifer bearbeitet, allen Wildwuchs herausgerissen, gehackt und Sand zum Ebnen herbei geschleppt.
Zwischenzeitlich ist nicht nur das Volleyballfeld bespielbar, auf der Fläche daneben wird begeistert Fußball gespielt und ein weiteres Badmintonfeld wird noch hergerichtet. Bei einem Shoppingausflug nach Chennai konnten alle notwendigen Sportartikel wie Volleyball/Badmintonnetze, mehrere Bälle, Federballschläger etc. erwerben. Das war für die Schüler wie Weihnachten und wir wurden bei der Versammlung im Schulhof mit Blumengirlanden geehrt, stellvertretend für alle Menschen zu Hause, mit deren Spendengeldern wir diese Anschaffungen tätigen konnten.


Ranipet zählt wirklich zu den 9 (oder 5?) verschmutztesten Orten der Welt! Hiervon betroffen sind die Luft und das Grund/Trinkwasser. In unserem Wohngebäude wird das Wasser 3x gefiltert, damit es trinkbar ist. In der Schule und im Hostel existieren bisher keine entsprechenden Anlagen. Das bedeutet, dass beispielsweise vor Unterrichtsbeginn erst mal eine Abordnung des Personals und der Schüler zu uns in den Speiseraum marschieren, um sich flaschenweise den Tagesbedarf an Trinkwasser abzufüllen. Das ist natürlich für unsere Hostelboys nicht möglich. Sie trinken das im Hostel verfügbare (miese) Wasser. Dementsprechend hoch ist die Erkrankungsquote. Wir haben deshalb mit absolutem Vorrang die Spendengelder in ein Trinkwasseraufbereitungssystem, das hier im Wohntrakt installiert werden soll, investiert. Hierzu wurden zur Prüfung der Wasserqualität von einem Spezialisten an verschiedenen Stellen Wasserproben gezogen und untersucht. Danach mußten von unserem Wohnbereich aus zum Schulgebäude und zum Hostel insgesamt 400 m Gräben gezogen und Leitungen verlegt werden. Auf dem Dach unseres Wohngebäudes wurde dann mit Zement eine Einfriedung für die Filteranlage gemauert. Die Jungs haben teilweise als Strafarbeit oder als Gemeinschaftseinsatz nach Schulende, an den Wochenenden und tageweise sogar nachts bis 01 Uhr ganz schön hart gearbeitet. Aber sie sind ganz happy und dankbar, dass sie sauberes Trinkwasser bekommen.


Als weiteres Vorrangprojekt hat sich die Installation von Solarventilatoren und Solarwegeleuchten im Campus ergeben. Da unser Distrikt zu den heißesten Regionen Indien zählt, ist genügend Sonnenenergie vorhanden und verständlicherweise läge bei diesem Projekt das größte Einsparpotenzial der enormen Energiekosten. Turgay könnte zusammen mit den Auszubildenden der Schule (Aircondition, Elektriker) die entsprechenden Module montieren. Trotz verschiedener Verhandlungen mit Fachfirmen und deren Besuchen hier vor Ort liegen die Kosten immer noch exorbitant über unseren zur Verfügung stehenden Mitteln. Die Module liegen preislich doppelt so hoch wie in Deutschland, eine Einfuhr würde allerdings mit der 50 %igen Einfuhrsteuer belegt. Wir schauen also mal, wie wir in diesem Bereich weiterkommen; vielleicht lassen sich ja noch weitere Sponsoren auftreiben.





Aber nun ein paar Worte zu den religiösen Feierlichkeiten der vergangenen Novemberwochen, von denen wir Allerseelen (02.11.) und das muslimische Opferfest (27.30.11.) erwähnen möchten. Der 02.11. wird ähnlich wie bei uns Allerheiligen begangen. Die Messe findet auf dem Friedhof statt, wo Familiengräber schön geschmückt und hergerichtet werden (links Bild). Anlässlich des diesjährigen Opferfestes hat sich Turgay entschlossen, die Tradition der Opfertierschlachtung mitzutragen. Das allerliebste Geschöpf/Opfer ist auf dem rechten Bild zu sehen. Zwei seiner Schüler (Hassan der Moslem und Abishek der Brahmane) haben uns per Bus in ein ca. 45 km entferntes indisches Dorf begleitet, um eine entsprechende Ziege auszusuchen. Allein das war schon Abenteuer pur. Schafe werden hier kaum geschlachtet, dafür aber teilweise Kamele.
Die Ziege wurde dann vor dem Opferfest per Motorrad diese 45 km hierher gebracht und mußte leider 2 Tage/Nächte in unserem Wohnbereich ihr Dasein fristen. Dem herzzerreißenden Gemeckere nach zu schließen hat das Opfer seinen bevorstehenden Tod sicherlich geahnt. Imran, ein weiterer Schüler aus Turgays Klasse, konnte aufgrund seiner Befähigung zum rituellen Schlachten die „Tat“ ausführen und Turgay wurde von dessen Familie eingeladen, dem Tatgeschehen beizuwohnen. Er fühlte sich richtig in seine Kindheit zurückversetzt. Zwei Drittel des Fleisches incl. Innereien wurde als Spende an Bedürftige gegeben, den Rest gabs als Feiertagsessen bei den Hostelboys und unserer Gemeinschaft. Natürlich konnte ich keinen Bissen anrühren.
 


Und was gabs Ereignisreiches in der Schule?
Die Schüler konnten beim sog. „Cultural Competition“ ihre Talente beim Einzel und Gruppengesang, Volkstanz (s. Bild), modernem Tanz, Schauspiel, Quiz, Zeichnen und Debattieren unter Beweis stellen. Angesichts der geringen Vorbereitungszeit von nur 2 Wochen und den extrem begrenzt zur Verfügung stehenden Materialien grenzte es für uns an ein Wunder, was diese Schüler hier auf die Beine stellten. übrigens können wir beobachten, dass durch Wettbewerbe und Quiz der kleine Funken Ehrgeiz in den Jungs und den paar Mädchen zu wecken ist. Am Ende wurden dann die in großer Anspannung erwarteten Sieger der jeweiligen Einzel und Gruppendisziplinen am schwarzen Brett bekannt gegeben. Schön zu beobachten dabei war, dass enttäuschte Schüler keineswegs die Bewertungen hinterfragen oder sich gar beschweren. Sie freuten sich für den beßeren Kameraden, sofern er in derselben Fachklasse ist. Konkurrenz herrscht grundsätzlich eher zwischen den Fachklaßen.
Die Attraktivität von Wettbewerben ist nicht zuletzt aufgrund der großzügigen Preise, die die Jesuiten den ersten 3 Einzel und Gruppensiegern verleihen, gegeben. So gibt es beispielsweise Haushaltsgegenstände aus Aluminium wie Essteller, Schalen, Vesperdosen. Für die meisten Familien sind das wertvolle Dinge, die nur ganz begrenzt im Haushalt zur Verfügung stehen. Außerdem wird hierdurch für viele Eltern sichtbar, dass ein Schulbesuch der Kinder lohnenswert sein kann






Als zweiter wichtiger Wettbewerb wurde der „Sport Competition“ durchgeführt. Hierfür rodeten die Jungs tagelang wirklich in Schwerstarbeit das ganze Gelände neben unserem Wohnbereich, um dann Weitsprung, 100 + 200-m-Lauf, Staffellauf, Weit und Speerwurf, Volleyball, Fußball und Tischtennis (mangels Schläger wird der Ball geblasen! siehe Bild) zu praktizieren.
Die Mädchen hatten die Disziplinen Ringball, 100-m-Lauf, Staffellauf, Weit und Speerwurf sowie Ballwurf in einen am Boden stehenden Korb. Mit einer witzigen Schnitzeljagd auf dem Gelände für alle Schüler war der Sportwettbewerb beendet.
Übrigens wurde, sehr zum Spaß der Schüler,ein Badminton-Match des Lehrpersonals ausgetragen, an dem auch Turgay und sensationell die M’am, also ich, teilnahmen. Leider hat unser Schulleiter Fr. Arul mich als Partnerin gezogen, hat uns aber tapfer ins Finale gebracht. Dort haben wir dann ausgerechnet gegen Turgay und Bruder Michael haushoch verloren.



Der Abschlusstag der Sportwoche mit allen Siegerehrungen glich annähernd einem olympischen Ereignis mit Einmarsch, mit Flagge hissen, Nationalhymne singen, olympischem Feuer in einer Schale entzünden etc. Wieder einmal waren wir über alle Maßen fasziniert, was hier mit dermaßen limitierten Mitteln und vor allem in welch kurzer Zeit zustande gebracht wird. Es finden keinerlei Meetings für Absprachen statt und trotzdem klappt es irgendwie.
Im Bild: Turgay überreicht Jayamalithi aus meiner Klasse den 1. Preis beim 100-m-Lauf (Mädchen).


Im Laufe des Novembers kamen wir in den Genuss des lang ersehnten Monsunregens, der hier alles ziemlich lahmlegte. Das kann man sich so vorstellen, dass täglich oder beispielsweise 4 Tage lang ununterbrochen solche Waßermaßen vom Himmel braßelten, dass nicht mal mehr Transportmittel fuhren. Die Schule war deshalb tageweise geschloßen und wir saßen richtig fest. An ein Verlaßen des Campus war nicht zu denken, überall „Landunter“. Für uns war diese Situation eher bedrückend, während sich die Menschen hier natürlich sehr über den Regen freuten, bedeutete er doch die gesicherte Ernte im Frühjahr (= Januar). Auch waten die Menschen bedenkenlos durch wadenhohen Pfützen, was für uns nicht wirklich vorstellbar ist. Die aufgrund der Wetterverhältniße immer wieder gegebenen arbeits und schulfreien Tage gelangten vor allem den Kinobesitzern sehr zum Vorteil. Auch bei uns war sozusagen als Art „Familienausflug“ mit all unseren Jesuiten der 1. indische Kinobesuch angesagt. Erstaunlicherweise gibt sich das Publikum – entgegen der sonstigen Reserviertheit – sehr emotional im Kino. Sobald der Filmheld auf der Leinwand erscheint (also eigentlich ständig), wird gepfiffen, gejohlt und geklatscht. In der Pause strömen die Maßen an den zwischenzeitlich geöffneten Thresen , um Knabbereien und Getränke zu erwerben. Mangels Müllbehältern sieht es überall sehr einladend aus. Den Film in tamilisch konnten wir zwar nicht wörtlich, wohl aber aufgrund des komödiantischen Inhalts gut verstehen.


Es gäbe noch Vieles mehr zu berichten, z.B. dass es hier beispielsweise keinen Advent unserer Gepflogenheit gibt. Turgay und ich haben schließlich nach langer Suche in Chennai 4 Kerzen zur Gestaltung einer Adventsschale gefunden. Dank lieber Päckchen aus Deutschland steht nun unser Adventsteller, geschmückt mit ein paar Nüssen, Weihnachtsräucherkerzen, dem Anderen Adventskalender (Lebkuchen und Christstollen wurden leider grausames Opfer indischer Beförderungßtruktur) in einer Ecke unseres Eßraumes. Morgens und abends zünden wir tapfer die Kerzen an, die keine große Beachtung bei unseren Jesuiten finden. Aber so sind eben die Kulturen verschieden.
Trotz des morgendlichen Geklapper von Töpfen und Pfannen aus der Küche nebenan (warmes Frühstück wird bereitet), der schrillen, lauten indischen Musik vom gegenüberliegenden Hosteltrakt und den „eifrigen“ Innenhof kehrenden Jungen gelingt es uns morgens, ein paar Minuten mit guten Gedanken und Texten abzutauchen (zwischenzeitlich beim 2. Adventslichtlein).
Nun wünschen wir Euch/Ihnen alle noch zwei gesegnete Adventswochen und sagen für alles einfach
ROMBA NANRI
Vielen Dank.
Bis Weihnachten ganz liebe Grüße,


Eure/Ihre


Mary und Turgay


aus der Mail vom 01.11.09


Liebe Indienfreunde und –interessierte,


wenn man in einer fremden Kultur lebt, ist jeder einzelne Tag mit neuen Erfahrungen verbunden und es gibt seit unserem letzten Rundbrief schon wieder so viel zu berichten.
Heute wollten wir unseren Tages-und Wochenablauf erläutern, soweit dies möglich ist, denn in Indien steht Flexibilität und Veränderung an erster Stelle. Dazu nachher noch Näheres. Also, soweit nicht urplötzlich etwas anderes angesagt ist, werden wir täglich um 5.30 Uhr mit lautstarker Musik geweckt. Diese gilt eigentlich unseren Hostelboys, die Lautsprecher sind allerdings so „diskret“ eingestellt, dass es unüberhörbar in unser Zimmerchen herein dröhnt. Wir gönnen uns dann den Luxus, noch bis 5.50 Uhr im Bett zu bleiben, während die Hostelboys raus müssen, schließlich müssen alle 50 Jungen sich an den paar Waschstellen waschen und dann um 6.10 Uhr mit ihren Matten auf dem Dach des Hostels zum Yoga erscheinen. Hier beginnt auch für uns der Tag, allerdings muss man sich nun zwei ungelenke weißhäutige Gringos unter extrem beweglichen, drahtigen dunkelhäutigen Jungen vorstellen. Turgay hat sich zum Ziel gesetzt, nach einem Jahr Indien zumindest ein Bein um den Hals legen zu können..
Die Übungen tun sehr gut, wenngleich mir manche von der Physiognomie her als nicht machbar erscheinen. Montags, mittwochs und freitags wird anschließend Messe mit lautstarkem, allerdings nicht ganz ton- und klangkonformem Gesang gefeiert. Gegen 7.30 Uhr sind wir wieder zurück im Zimmer und freuen uns (meistens) auf das Frühstück um 8.00 Uhr. Der Tag fängt hier mit warmem Essen an, an manchen Tagen gibts für uns Toastbrot mit Marmelade, die den Namen nicht wirklich verdient, wenn man von zu Hause die selbstgemachte gewöhnt ist. Ansonsten essen wir Reis, idlys (Reisküchle), dhosais (Pfannkuchen), chapatis (Mehlfladen) oder haarfeine Nudeln jeweils mit scharfer Gemüsesosse (allg. Curry genannt). Des weiteren gibts dazu gelegentlich Zwiebel-/Chili-Omelette. Die ernährungsphysiologische Zusammenstellung der Mahlzeiten ist beachtlich, und auch ein Grund dafür, warum viele Inder z.B. an Diabetis leiden. Die Annahme, dass in Indien viel Gemüse gegessen wird, ist nur bedingt richtig, denn die Soßen sind relativ flüssig und der Gemüseinhalt recht dürftig.


Mittag-/Abendessen und Frühstück (idlys)
Mittag-/Abendessen und Frühstück (idlys)

Mittag-/Abendessen und Frühstück (idlys)



Um 9.00 Uhr gehts dann zur Schule, wo ebenfalls montags, mittwochs und freitags der Appell im Schulhof mit Gebeten und Liedern stattfindet. Unsere Unterrichtsstunden liegen in der 2. und 3. Stunde (9.50-11.45 Uhr), soweit der Unterricht stattfindet. Morgens erleben wir öfter eine Überraschung, dass wir eine andere Stunde nehmen sollen, oder der Unterricht „ausnahmsweise“ ausfällt, weil die Schüler sich auf irgendetwas vorbereiten müssen, oder es findet eine andere Unterrichtseinheit statt, oder abends wird uns ein ganztägiges Seminar für den nächsten Tag angekündigt, oder es gibt einen Tag früher Ferien wegen eines anstehenden Feiertags etc. Das Ausmaß an Flexibilität der Inder ist unübertroffen und bereitet Turgay und mir schon große Mühe. Wir sind hin und wieder echt sauer wegen der ständigen Änderungen. Aber natürlich sind wir den ganzen Morgen präsent an der Schule, man weiß ja nie....
Offizielles Ende des Vormittagsunterrichts ist um 12.40 Uhr, dann steht täglich die Bewährungsprobe fürs Mittagessen an (wegen der Schärfe). Nachmittags finden für die Schüler praktische Übungen in ihrem jeweiligen Werkstatt- bzw. Computerraum von 13.30 – 16.30 Uhr statt. Turgay geht teilweise mit, da er ja eine Fachklasse betreut. Ich selbst habe zwar 2 Englischklassen, aber eine ist die Computerklasse (nicht gerade mein Spezialgebiet), die andere setzt sich aus ausgewählten Schülern aller anderen Fachklassen zusammen. So habe ich keinen wirklich festen Bezug zu einer bestimmten Klasse wie Turgay. Deshalb steht für mich nachmittags die Vorbereitung des Englischunterrichts für den nächsten Tag an, Wäsche waschen, Tagebuch schreiben etc.. Nach Schulende um 16.30 Uhr ziehen sich die Hostelboys gleich um und eilen zum Volleyball-, Fußball-, Federball- und Ringballspielen für genau 1 Stunde. Wir versuchen irgendwie mitzuspielen, manchmal sind wir einfach Schlachtenbummler. Bis zum Abendessen bleibt dann noch genug Zeit um Zeitung zu lesen oder in meinem Falle den beiden Jesuitenschülern hier Deutschunterricht zu geben. Sie machen enorme Fortschritte, auf alle Fälle mehr als wir mit tamilisch, und beide sind ganz ernst bei der Sache. Um 20.00 Uhr gibts Abendessen, an vielen Tagen zum dritten Mal Reis. Wer Reis nicht unbedingt als Essensvariante bevorzugt, ist hier auf verlorenem Posten. Inzwischen dehnt sich das Abendessen schon mal auf eine Länge von 30 Minuten aus, weil eine Unterhaltung zustande kommt. Für hiesige Verhältnisse gleicht das einem Erdrutsch, denn Essen ist nur Nahrungsaufnahme, die ohne Gespräche abläuft und vor allem in knapp 10 Min. erledigt ist. Also sind wir gegen 21.00 Uhr wieder im Zimmer und oft aufgrund der Schwüle so müde, dass der Tag für uns meistens zu Ende ist. Leider ist der Schlaf nicht sehr tief und so erholsam wie zu Hause.

Natürlich versuchen wir uns so weit wie möglich hier einzugewöhnen und anzupassen, dennoch gibt es ein paar Dinge, wo dies recht schwierig oder unmöglich erscheint. Beispielsweise können wir uns nicht wirklich an das vollkommen andere Verständnis für Sauberkeit und Hygiene gewöhnen. Eine Putzaktion unsererseits in der Küche scheiterte kläglich mangels vernünftiger Utensilien – kaum zu glauben! Auch die ewigen Moskitoüberfälle sind sehr nervig und belastend, von den nächtlichen kriechenden und krabbelnden Zimmerbesuchern ganz zu schweigen. Unser Moskitonetz ist deshalb das geschätzteste Teil unseres Zimmers.
Auch das Thema Müll ist ein Dauerdiskussionspunkt in unserer Gemeinschaft hier. Die überall herum liegenden Müllberge kennzeichnen wirklich das Bild Indiens und unser Campus ist leider auch davon betroffen. Alles was man wegwerfen kann, wird in die freie Landschaft oder einfach auf den Boden geworfen. Turgay und ich haben es zwar geschafft, dass zwischenzeitlich in unserer Küche, in den Klassenzimmern und im Schulbüro kleine Mülleimer stehen, aber das Verständnis für eine „artgerechte“ Nutzung fehlt nicht nur bei den Schülern. Erst kürzlich bekamen die Jesuiten meine Emotionalität zu spüren, als ich entdeckte, dass zwar Plastik, Glas und Lebensmittelreste in unserem Essbereich getrennt, aber dann hinter dem Haus wieder auf einem Müllberg in trauter Zweisamkeit ihr Verrottungsdasein fristen. Das nervt uns wirklich, aber in diesem Punkt bleiben wir hartnäckig und versuchen, während unseres Aufenthaltes zumindest einmal ein Putzwochenende einzufordern, an dem der ganze Campus von allem Unrat und Müll gesäubert wird. Da kommen echt Tonnen zusammen.
Übrigens sind auch die Elektrizitätswerke sehr flexibel, was die Stromlieferung betrifft. Kaum hatten wir uns die ersten beiden Wochen auf stromfreie Zeit morgens von 7.45-10.15 Uhr eingestellt, erfolgte prompt eine Änderung. Die nächsten beiden Wochen gabs ab 11.00 Uhr bis irgendwann keinen Strom, zur Zeit sind wir von 10-12.15 Uhr und abends ganz nach Belieben „stromfrei“. Diese Situation kann sich natürlich auch auf einen ganzen Tag von morgens 8.00 Uhr bis abends um 18.00 Uhr erstrecken. Zum Glück wird hier mit Gas gekocht.
Natürlich ist uns klar, dass auch wir mit unseren Ansichten und unserer für hiesige Verhältnisse offenen Art (obwohl wir sehr zurückhaltend sind) eine tägliche Herausforderung sind. Anerkennend möchten wir erwähnen, dass unsere Patres zunehmend interessiert an deutscher Kultur und deutschen Lebensgewohnheiten sind. Da von ihnen bisher keiner außerhalb Indiens oder Sri Lankas war, geben sie ehrlicherweise zu, uns als Amerikaner betrachtet zu haben. Orientierungsmaßstab für das Verhalten und die Bedürfnisse von Ausländern/Amerikanern ist dabei der Fernseher. Umso mehr freuen wir uns, Botschafter eines kulturell eigenständigen kleinen Landes namens Deutschland sein zu können.
Aufgrund unserer vielfältigen Reiseerfahrungen und des nun mehrwöchigen Aufenthaltes hier in Tamil Nadu wird aber klar, dass Indien ein Land/Kontinent orientalischer Prägung ist. Gerade in ländlichen Regionen wie unserer ist die Förderung von Frauen ein Anliegen zweiter Ordnung. Immer und überall sind Männer präsent. Als Ausländerin und dazu noch als Lehrerin genieße ich zwar vollen Respekt, muss mich aber beispielsweise an den Kleiderkodex halten. Während Turgay und die Männer in Shorts Sport machen, trage ich immer lange Hosen oder eben diese indischen Gewänder, obwohl mir bei der Hitze oft ein luftiges kurzes Röckchen oder einfach auch Shorts angenehmer wären. Selbstverständlich klappt Turgays Integration in diesen Männerkreisen vorzüglich, während mir ein paar nette, gleichgesinnte Frauen um mich herum sehr fehlen. Eine Änderung dieser Situation steht nicht in Aussicht, zumal die Frauen hier kaum englisch spechen und insgesamt anderen Lebenskreisen angehören.
Ach ja, als ein weiteres Merkmal der hiesigen Gesellschaft schickt es sich auch nicht, dass sich ein Mann neben eine Frau oder umgekehrt setzt. Im Bus/Zug oder selbst in der Kirche gibt es deshalb Frauen-und Männerreihen oder ein ständiges Platz tauschen.


Nachdem wir heute einen sehr persönlichen Bericht formuliert haben, wollen wir abschließend noch auf unsere ersten Reiseerlebnisse eingehen. Die erste schulfreie Woche im Oktober führte uns an die Süd-spitze Indiens nach Kanniyakumari (ca. 700 km von Ranipet). Allein die 16-stündige nächtliche Zug-fahrt war eine anstrengende Angelegenheit. Umso herrlicher war die frische Meeresbrise und das Salz der 3 Meere (Golf von Bengalen, Indischer Ozean, Arabisches Meer) auf unserer Haut. Wir wohnten in einem Gästezimmer bei den Jesuiten in Nagercoil (ca. 18 km nördlich von Kanniyakumari) und unter-nahmen von dort aus unsere Tagestouren. Auf dem Rückweg nach Ranipet gabs einen weiteren Halt in Madurai, wo wir die wirklich einmalige Meenakshi-Tempelanlage und den grossartig restaurierten Tirumalai-Palast besichtigten. Auch hier haben wir wieder bei den ansässigen Jesuiten Quartier bekommen. Dann gings mit dem Nachtbus und in beqümen Liegesitzen zurück nach Ranipet mit noch dreimaligem Umsteigen und viel guter Hilfe von der Bevölkerung, denn erstens gibt es weder im Zug noch im Bus irgendeine Ansage des nächsten Haltes, noch können wir die tamilischen Sprachzeichen lesen. Es ist deshalb eine besondere Erfahrung für uns selbständigen Europär, total auf andere Menschen angewiesen zu sein und ihnen vertrauen zu müssen. Es waren übrigens sehr gute Erfahrungen! Allerdings ist es bei solch langen Reisen in Indien sehr ratsam, Oropax einzustecken, um nicht stundenlang im Bus von der überlauten Bollywood-Filmbeschallung, dem schrillen Dauerhupen aller auf der Straße befindlichen Fahrzeuge oder schwerhörigen Handynutzern maltraitiert zu werden. Auch das System der von Chennai in den Süden führenden Autobahn scheinen noch nicht alle Tamilen verinnerlicht zu haben. Auf deutschen Autobahnen würde das Verhalten zu der Daueransage in der Art „Achtung entgegenkommende Motorräder“ sowie „Fussgänger und Rinder auf der Autobahn“ führen. Aber dank der klangkräftigen Hupen gibt es immer auf den letzten Zentimeter eine Ausweichmöglichkeit.



Die Woche drauf hieß es nochmals übers Wochenende den Rucksack packen, denn wir waren mit 2 unserer Jesuiten nach Trichy (ca. 330 km von Ranipet) zur Priesterweihe eingeladen. Die Reisezeit war für uns sehr speziell, von Freitagabend 19.00 Uhr bis Samstagmorgen um 3.15 Uhr. Man muss, wie schon erwähnt, im Zug die ungefähre Ankunftszeit wissen, denn es gibt keinerlei Ansagen. Per Auto Rickshaw gings zum Wohnheim der Kath. Universität von Trichy, wo wir in einem Schlafraum dann noch bis zur Frühstückszeit um 7.00 Uhr den angriffslustigen Moskitos und neugierigen Ameisen im Bett ausgesetzt waren. Dementsprechend mussten Turgay und ich unser Schlafbedürfnis hinten anstellen, beschlossen aber, die kommende Nacht in einem Hotel zu übernachten. Unsere beiden Jesuiten haben die Situation mit stoischer Ruhe auch noch die 2. Nacht ertragen. In Trichy konnten wir das wunderbare Rockfort und die Tempelanlage in Srirangam besuchen, bevor dann am Samstagnachmittag 10 Jesuiten die Priesterweihe erhielten. Der Ablauf ist eigentlich mit dem in Deutschland vergleichbar, allerdings gabs im Anschluss daran nicht wie bei uns einen allgemeinen Umtrunk, sondern ein Essen für alle geladenen Gäste (ca. 250). Man kann sich das so vorstellen, dass reihenweise Tische/Bänke (wie bei uns Biertische) mit ausgelegten Bananenblättern und einem Plastikbecher für Wasser aufgestellt sind. Dann erfolgt die Essensverteilung reihenweise mit leckeren Reisgerichten, Fleisch und Gemüsecurries etc. Der Haken an der leckeren Sache war nur, dass essen mit der Hand angesagt war. Während sich Turgay tapfer geschlagen hat, sah mein Bananenessplatz am Ende etwas ungastlich aus. Na ja, alles will eben gelernt sein. Die Rückfahrt anderntags nach Ranipet per Bus war übrigens wieder eine 8stündige, sehr anstrengende Angelegenheit, denn die indischen Busse sind nicht mit unseren Luxusbussen vergleichbar.


Das folgende Wochenende haben Turgay und ich bewusst als Heimwochenende gewählt, weil das Hindu-Fest „Diwali“ (Lichterfest) gefeiert wurde. überall wurden Lichterketten und Kerzen angezündet, es gab viele neue Filme im Kino und Fernsehen, den Frauen wurden die Hände mit Henna kunstvoll bemalt, man sah kleine Feuerwerke und hörte den ganzen Tag (also auch nachts) Feuerwerksknaller. So wird der Sinn von Diwali, der Sieg des Lichts über die Dunkelheit oder generell die Überwindung des Bösen durch das Gute gefeiert. All die Wunderkerzen und Böller etc. erinnerte uns stark an Silvester, das hier anscheinend nicht in dieser Art und Weise gefeiert wird.


aus der Mail vom 12.10.2009

Liebe Indienfreunde und –interessierte,


sind wir wirklich erst ein paar Wochen weg aus Deutschland? Aus der Fremde wurde zwischenzeitlich ein Gastland, das wir zumindest in Teilen schon näher begreifen und mit den fremden Menschen sind schon vertrautere Beziehungen entstanden. Das bezieht sich sowohl auf unsere Jesuitengemeinschaft als auch auf das Lehrerkollegium und erst recht auf all die Schüler (Schlingel) und Schülerinnen.
Vor kurzem fanden die ersten Prüfungen (Vierteljahresexamen) hier statt. Die 130 Schüler wurden mittels zugeteilter Nummer auf die 5 kleinen Klassenzimmer verteilt (saßen also Schulter an Schulter) mit jeweils einer Aufsichtsperson. An insgesamt 4 Vormittagen wurde Fachtheorie, Praxis, Englisch und Sozialkunde geprüft. Das Lehrpersonal – also auch wir – hatten 2 freie Unterrichtstage, in denen sich die Schüler anhand ihrer Aufschriebe im Schulhof und in den Klassenzimmern selbst auf die Prüfungen vorbereiten mussten. Natürlich herrschte helle Aufregung, denn die Schüler hatten bisher nur negative Prüfungserfahrungen an den regulären Schulen gesammelt.

Damit sind wir auch schon beim Thema „Schulsystem in Indien“ angekommen.An den öffentlichen Schulen herrscht absoluter Lehrernotstand und zwar in zweierlei Hinsicht: Erstens gibt es wirklich zu wenig Lehrkräfte, denn der Beruf zählt nicht gerade zu den bestbezahltesten oder angesehensten Berufen. Zweitens sind grundsätzlich ein Drittel bis die Hälfte der Lehrer wegen ??? abwesend. Die Missstände sind allgemein bekannt, allerdings existiert keinerlei Kontrolle von oben z. B. über die Anwesenheit bzw. Abwesenheit von Lehrern, was überhaupt unterrichtet wird, ob aktueller Stoff unterrichtet wird (oder aus total veralteten Büchern) etc. Oft arbeiten die Lehrer mit den lokalen politischen Stellen zusammen, werden dafür entgegenkommenderweise nicht versetzt. Dadurch bleibt zumindest bei diesen Lehrern jahre-/jahrzehntelang alles beim Gleichen oder sozusagen im Dunkeln. Um nicht angeprangert zu werden, gib man den Schülern im Laufe der unteren Schulklassen dann einfach entsprechende Noten, so dass sie versetzt werden, unabhängig ob das Wissen vermittelt wurde oder die Schüler entsprechendes Wissen haben. Lediglich in den Schlussprüfungen (z. B. Hauptschul-/Realschulabschluss) werden ordnungsgemäße Prüfungen abgehalten. Es darf geraten werden, wie hoch die Durchfallquote ist! Wie wir fast täglich in den Zeitungen lesen, gibt es vielerlei Strategien, um gegen diese Misere vorzugehen, wie periodische Prüfungen über den Wissensstand der Schüler, die Einführung eines Monitoringsystems über die Anwesenheit der Lehrer, Fortbildungsmöglichkeiten für die Lehrer, aber auch die Befreiung der Lehrer vom politischen „Würgegriff“, denn nicht jeder Lehrer spielt freiwillig mit. Ob und wann der als notwendig erkannte Änderungsprozess in die Wege geleitet wird, ist aus heutiger Sicht nicht zu sagen, denn von diesem Schulsystem sind ja vorwiegend die Familien der unteren Schicht in Tamil Nadu betroffen (die Besserverdienenden schicken ihre Kinder gleich in Privatschulen).
Unabhängig von allem gibt es natürlich auch einfach faule oder wenig begabte Schüler, die aus diesen Gründen die Abschlussprüfungen nicht schaffen. Für all die Erwähnten ist dann sozusagen unsere berufliche Schule nochmals eine große Chance, überhaupt zu einem berufsbildenden Abschluss zu kommen. Darüber hinaus gibt es hier noch eine dritte Gruppe an Schülern, nämlich die Flüchtlingskinder aus Sri Lanka.


Allein in Tamil Nadu gibt es seit nunmehr 20 Jahren 130 Flüchtlingscamps (ca. 300 Familien wohnen in einem Camp). In unserem Distrikt werden sie von unserem Jesuiten John Michel (über den Jesuit Refugee Service JRS) betreut, der deshalb i.d.R. tagelang dort wohnt. Wir hatten kürzlich die Chance, anlässlich des Sonntagsgottesdienstes solch ein Camp besuchen zu können. Camp bedeutet dabei, dass die Menschen wie in einem Dorf zusammenleben, in Hütten aus Palmblättern, alles ungeteerte Wege, ohne Kanalisation, Strom und sauberes Wasser. Die Menschen leben unter ständiger staatlicher/polizeilicher Kontrolle und können nicht ungehindert ihr Camp verlassen. Ihre Anwesenheit dort wird wöchentlich kontrolliert. Als Gründe für die Ghettoisierung führt die indische Regierung die Angst vor einer Zusammenarbeit der Flüchtlinge mit der terroristischen und militanten Befreiungsorganisation TIGER an. Es gibt aber auch seit längerem schon Bestrebungen, den Flüchtlingen die Bürgerrechte zu übertragen. Das scheiterte seither an den politischen Gegenstimmen, dass die Regierung in Sri Lanka in diesem Falle dann die Vertreibung der Tamilen noch systematischer betreiben würde. Und so sind wieder die Menschen selbst Opfer des politischen Machtkampfes. Allerdings genießen die Flüchtlinge aus Sri Lanka bei der indischen Bevölkerung keineswegs ein schlechtes Ansehen, denn sie sind ausnahmslos fleißige, gute Facharbeiter (z.B. Maler). Sie werden als intelligent und arbeitsam beschrieben; außerdem wollen diese Menschen von sich aus weiterkommen.



Allein in meiner Computerklasse sind 8 Flüchtlingsschüler (5 Mädchen) und allesamt sind sehr fleißig und echt gut. Für die Ausbildung erhalten sie eine Ausnahmegenehmigung und dürfen auch außerhalb des Camps wohnen (z.B. wohnen die Mädchen während der Woche in einem Schwesternkonvent, die Jungen bei uns im Hostel). Für die Mädchen müssen unsere Jesuiten die gesamten Kosten übernehmen, auch das auswärtige Wohnen, deshalb ist auch immer nur eine kleine Anzahl solcher Schülerinnen hier (schade!). Auch in dem von uns besuchten Camp waren wir von ein paar Kindern und deren englischen Sprachkenntnissen sehr verblüfft. Am liebsten hätten wir sie auch gleich noch auf unsere Schule mitgenommen, damit diese Talente und der Lernwille gefördert werden könnte. Das geht leider aus den o.a. Gründen nicht.






Ach ja, auch das Thema „interreligiöser Dialog“ist nochmals ein paar Zeilen wert. In Tamil Nadu mit einer Gesamtbevölkerung von ca. 80 Mio. Einwohnern leben 5 % Christen, 10 % Muslime und 85 % Hindus/Sikhs friedlich miteinander. Die jeweiligen Feste werden gegenseitig mit großer Aufmerksamkeit und Beachtung begangen. Das konnten wir Ende September anlässlich der Ramazan-Feierlichkeiten miterleben. Es war schulfrei und die meisten hostel boys fuhren deshalb nach Hause. Turgay wurde eigens von einem unserer Jesuiten, der unter der muslimischen Bevölkerung einige Freunde hat, zur Moschee zum Gebet gefahren. Dort hat er dann ein paar unserer Hostel Boys getroffen, die ihn seither noch mehr in Beschlag nehmen. Zum Ramazanfest wird neben neuer Kleidung vor allem Süßes gekauft, das letztere großzügig an Bekannte und Freunde verteilt (auch bei uns in Deutschland). Unsere Jesuiten legten besonderen Wert darauf, dass Turgay mit der Verteilung der Süßigkeiten wartet, bis alle Hostel Boys wieder in der Schule anwesend sind, damit auch wirklich alle in den Genuss kommen. Nach dem Feiertag fand also ein extra Morgenappell im Schulhof statt, wo die von uns kiloweise eingekauften frischen Backwaren verteilt wurden. Das war echt toll. Grundsätzlich ist es hier so, dass jede religiöse Gruppe, die gerade ein Fest feiert, den Andersgläubigen etwas zukommen lässt und sie somit in die eigenen Festivitäten miteinbezieht. Ein weiteres Beispiel war das 1 Woche nach Ramazan stattfindende Fest der Hindus „Ayutha Pooja“. Es geht hier um die Segnung von Gegenständen und Danksagung. Hierfür wurden in der Schule zunächst sämtliche Klassenzimmer und Werkstätten von allen gemeinsam geputzt, mit Girlanden dekoriert, die Wandtafen herrlich bemalt. Jede Klasse konnte bei der Gestaltung ihres Klassenzimmers und Werkstatt- bzw. Computerraums die freie Phantasie walten lassen. Es war herrlich anzusehen, welche Talente unter den Schülerinnen und Schülern schlummern. Und wie sich alle gefreut haben, dass am Ende alles blitzblank geputzt war, das war unbeschreiblich. Die Hindu-Schüler haben vor der Segnung durch unsere Jesuiten (mit Weihwasser) ihre Sandelholzpunkte an jede Schulbank, jeden Computer, an Türrahmen, Bänke, Tische, Werkstattgeräte etc. angebracht, Räucherstäbchen angezündet und mit Blumen am Boden kleine Altäre gelegt. Natürlich wurde der gelb-rote Sandelholzpunkt auch auf unserer Stirn fixiert. Selten haben wir so eine Freude gesehen und dann gab es für alle Tee und so eine Art Popcornbeutel. Dann ging es ab in die zehntägigen Schulferien.
 
Wir hoffen, dass unser kleiner Monatsbericht viel Freude bereitet und sagen wieder einmal
APPURAM PAARKKALAAM,
Eure/ Ihre
Mary und Turgay

aus der Mail vom 23.09.09

Liebe Indienfreunde und –Interessierte,
das ist nun unser erstes Lebenszeichen von RANIPET, unserem Zuhause für die nächsten sechs Monate. Hier wurden wir von den 4 Jesuitenpatres und einem sich noch in Ausbildung befindlichen Jesuiten herzlich begrüßt. Die Patres haben sich wirklich Mühe gegeben, uns ein freundliches und vor allem sauberes kleines Zimmerchen einzurichten. Der größte Luxus dieses Zimmers ist zweifelsohne das total neue und eigens mit einer angebrachten Holzkonstruktion über das Doppelbett gespannte Moskitonetz und sage und schreibe ein eigener Fernseher.

Schule und Wohnbereich
Schule und Wohnbereich

Schule und Wohnbereich



Nachdem uns die ersten Tage das feucht schwüle Klima mit anhaltend ca. 36 Grad bei 80% Luftfeuchtigkeit enorm ermüdet hat, hat sich unser Körper zwischenzeitlich einigermaßen an das tropische Wetter gewöhnt. Was unsere kleine “neue” Familie betrifft, so ist jeder Einzelne immer noch in der Anpassungsphase. Bei den Patres herrscht ein Kommen und Gehen, so dass noch keine wirkliche Gemeinschaft - zumindest wie wir sie uns vorgestellt hatten - entstanden ist. Selbst beim Essen waren wir noch nie alle zusammen. Für die Patres hingegen war es gerade anfangs gewöhnungsbedürftig, dass da neben ihrem gewohnten Tagesablauf noch 2 Personen mit ganz vielen Fragen anwesend sind. Zwischenzeitlich kennen wir uns nun schon alle näher und die Kommunikation klappt besser. Da Turgay und ich eigentlich die einzigen konstant Anwesenden hier sind, haben wir bereits den Spitznamen “permanent residents” erhalten.
 
Unsere “Familienmitglieder” sind die indischen Jesuitenpriester
Father Guna SJ (Wirtschaftswissenschaftler, 41 J.), Leiter des Einsatzortes hier sowie Chef eines der Loyola Industrial School angeschlossenen kleinen Gewerbebetriebs,
Father Arul SJ (Erziehungswissenschaftler, 34 J.), Leiter der Loyola Industrial School (Gewerbeschule),
Father Vendanayagam SJ (68 J.), als Englischlehrer in der Schule im Einsatz,
Father John Michael SJ, verantwortlich für die tamilischen Familien aus Sri Lanka in den Flüchtlingscamps und deshalb ganz selten hier anwesend,
Brother Christu Raj (Jesuitenmschüler, 25 J.), verantwortlich u.a. für die 50 Jungen, die in dem der Schule angeschlossenen Internat (hostel) wohnen. Das sind unsere hostel boys.

Turgay und Kollegen / Marys Klasse
Turgay und Kollegen / Marys Klasse

Turgay und Kollegen / Marys Klasse



Die Loyola Industrial School liegt ca. 20 Min. Fußmarsch außerhalb von Ranipet auf einem kleinen, von Wildwuchs gerodeten Areal. Insgesamt werden hier 130 Schüler, darunter 6 Mädchen und eben die o.a. 50 hostelboys zu IuK-Fachleuten, Elektrikern, Schweißern, Automechanikern und Klima-/Lüftungstechnikern ausgebildet. Von den eigentlich 6 Lehrern sind wirklich 2-3 immer abwesend wegen Krankheit oder was auch immer, so dass unsere Patres, eine Ordensschwester und ein Aushilfslehrer zum Unterrichtspersonal gehören Turgay und ich sind bereits im Einsatz, d.h. Turgay teilt sich den Unterricht in technischem Zeichnen mit den hiesigen Fachlehrern, ich gebe Englischunterricht konstant in der Computerklasse und täglich als Springerin in den beruflichen Klassen, die alle zwischen 25-40 Schüler haben. Lediglich die Computerklasse umfasst nur 11 ausgewählte Schüler, darunter sind alle 6 Mädchen Allerdings werden demnächst aus den Fachklassen noch die besten Schüler herausgefiltert, die dann alle zusammen eine neue Klasse mit ca. 25-30 Schülern ergeben. Diese neue Klasse soll verstärkt Englischunterricht von mir erhalten.
Die Schüler hier (16 bis 24 Jahre) stammen alle aus sehr armen Familienverhältnissen und sind allesamt durch die Abschlussprüfungen an den regulären Schulen durchgefallen. Teilweise haben sie auch schon ein sehr “weitschweifiges” Leben hinter sich. Sofern sie von weiter her anreisen müssten, wohnen sie im angeschlossenen hostel gegen wirklich geringes Entgelt, das trotzdem für viele Familien eine große Ausgabe ist. In der Schule und im hostel herrscht strenge Disziplin; schlechtes Benehmen und Schwänzen wird mit Schlägen bestraft. Zu der insgesamt 1-jährigen Ausbildung gehört auch die Vermittlung von Sozialverhalten und sog. Life skills. Konfessionell sind die Schüler gemischt, d.h. Christen, Hindus und Moslems. Sie singen und beten zu dem “einen Gott” und es ist schön zu sehen, dass enge Freundschaften konfessionsübergreifend bestehen. Beim morgendlichen Appell im Schulhof wird aus der Bibel gelesen, dann kommen Gedanken eines indischen Gelehrten (Hindu, Sikh) und abschließend ein allgemeiner Leitspruch zum Tagesanfang.


Die hostelboys sind uns schon sehr ans Herz gewachsen. Kaum ist um 16.30 Uhr die Schule beendet, ziehen sie sich um, denn dann dürfen sie für 1 Stunde spielen. Das bedeutet: 50 barfüßige Jungen teilen sich 4 Federballschläger mit 2 zerfetzten Federbällen sowie 3 Bälle zum Volleyball- und Fußballspielen Obwohl uns jeder Einzelne in diesen Disziplinen haushoch überlegen ist, sind Turgay und ich begehrte Mitspieler. Die Freude, Offenheit, Höflichkeit und Liebenswürdigkeit der Jungs erstaunt uns täglich aufs Neue. Wir könnten uns vorstellen, die begrenzten Sportmöglichkeiten hier etwas aufzuwerten und zumindest einige Federballsets und Bälle dazu zukaufen. Möglich wäre auch die Anschaffung vielleicht einer Tischtennisplatte mit Zubehör und die Einrichtung eines Basketball-Feldes. Die Mädchen haben zu sechst 1 einziges Spring-seil. Wenn wir da an die überfüllten Kinderzimmer bei uns zu Hause denken….. Gestern haben Turgay und ich übrigens eine Volleyball-Spielvariante zweier Jungen mit einem großen Stein gesehen; sie waren echt gut, aber der Gedanke, dass dieser Stein vielleicht mal auf den Kopf fallen könnte, war uns sehr unheimlich.


Dieses Mal haben wir nun zunächst von unserem unmittelbaren Einstieg und den ersten Eindrücken erzählt Weitere Informationen, auch allgemeiner Art über das Leben hier in Tamil Nadu, folgen dann in den nächsten Rundbriefen.
 
All denjenigen, die zu einem gelingenden Leben der Schüler hier mit einer Spende etwas beitragen wollen, danken wir ganz herzlich. Darüber hinaus wäre auch eine finanzielle Unterstützung des Aushilfslehrers sinnvoll, denn er arbeitet derzeit wirklich nur für ein paar Rupien, was halt so im Etat bei den Jesuiten hier gerade übrig ist.
 
Mit dem Gruß “Wir sehen uns” sagen wir in tamilisch


APPURAM PAARKKALAAM,


Eure/ Ihre


Mary und Turgay

Ein Blick aus luftiger Höhe auf die nächste Etappe Ranipet.
 
 


aus der Mail vom 07.09.2009


Liebe Freunde, Verwandte und Bekannte,
Deutschland liegt seit 2 Tagen hinter uns. Seitdem sind wir eingetaucht in die Lebendigkeit Indiens mit Menschen überall um uns herum, die uns neugierig und mit strahlenden Blicken mustern. Die Jesuitenpatres Father Francis und Maria Joseph haben uns nach der Ankunft in Chennai unter ihre Fittiche genommen und wir sind nun die ersten 3 Tage in Chennai im Loyola College Campus untergebracht, wo wir auch täglich die Tischgemeinschaft mit den Jesuiten teilen.
In der Chennai Mission sind 60 Jesuiten, die das Chennai Loyola College Center mit ca. 7000 Studenten und Studentinnen in den Studienbereichen Religionswissenschaften, Naturwissenschaften, Elektronik, Kultur und Erziehung, Businessmanagement, Medien und Kunst betreuen. Der Campus des Universitätszentrums ist im Übrigen inmitten der Geschäftigkeit Chennais eine wahre Oase.


Gleich am Ankunftstag stand anlässlich der Feierlichkeiten des indischen Lehrertags (teachers day) der Besuch des Ausbildungszentrums für Lehrerinnen in Kuppyanallur auf der Tagesordnung. Die 2,5 Std. Fahrt auf dem Highway mit unglaublichem Bus, Auto und Motorradverkehr zeigt den enormen Entwicklungsschub, den Tamil Nadu seit unserem letztem Urlaub vor 10 Jahren gemacht hat. Dank der Geschicklichkeit des motorisierten Wirrwarrs werden aus der 2spurigen Autostrecke 4 Spuren. Aber wir haben einen tüchtigen Fahrer. In Kuppyanallur erwarten uns dann bereits ein gedeckter Tisch mit Tee, Kaffee, Keksen, Knabbereien sowie Johannes, ein weiterer JMV Freiwilliger und vor allem viele aufgeregte junge Lehramtskandidatinnen (Grundschule), die ein beeindruckenden Programm mit Ansprache (in Tamil), Tänzen und Gesang darbieten. Feuer diese sehr jungen Frauen eröffnet sich durch die Lehrerausbildung eine eigene Einkommens und Lebensperspektive, so dass sie nicht allein auf die Rolle des jung verheirateten Mädchens festgeschrieben werden. Der Einsatz und die Ernsthaftigkeit sowohl der Unterrichtenden als auch der Studierenden ist beachtlich, ebenso die Dankbarkeit für solche nicht selbstverständlichen Lebenschancen.
Anschließend führt uns die Fahrt durch das ländliche Tamil Nadu weiter nach Ongur, hier wurde bei dem ebenfalls von den Jesuiten betreuten Kindergarten ein n euer Spielplatz eingeweiht. Fast alle Kinder dort sind Waisen und stammen aus der (untersten) Kaste der Unberührbaren. In der ländlichen Gegend sind tamilische Sprachkenntnisse für uns unerlässlich, wir haben deshalb sprachlich noch eine große Aufgabe vor uns. Auch hier führen uns die Kinder Tänze und Gesänge vor. Alles läuft mit mit 1000 Ehrungen und Danksagungen. Dieser 1. Tag in Indien hat uns einiges an Kondition abverlangt, dafür konnten wir dann am 2. Tag im Unicampus abhaengen und versuchen, mental anzukommen. turgay kommt mit der Wuerze des indischen Essens sehr gut zurecht, waehrend ich mich sicherlich auf einen laengeren Anpassungsprozess einstellen muss. Aber die Patres sind alle eine große Hilfe und vor allem darauf bedacht, dass genug gefuttert wird. Noch lässt uns auch das tropische, feucht heiße Klima (35 Grad, 70-80% Luftfeuchtigkeit) extrem schnell ermüden, aber auch hieran wird sich der Körper noch gewöhnen.
Heute Nachmittag nun geht es dann zu unserem eigentlichen Einsatzort nach Ranipet. Von dort werden wir uns mit weiteren Erlebnissen und Erfahrungen melden.
Abschließend dürfen wir allen, die uns gleich zu Beginn unseres Einsatzes haben eine Spende zukommen lassen, sehr herzlich danken und grüßen
Ihre und Eure MARY und TURGAY




Warum wir gehen (Juni 2009)

Nach gut 30 Jahren beruflichem Einsatz wagen wir einen Perspektivenwechsel in größerem Stile: Als Freiwillige der Jesuitenmission reisen wir Ende August 2009 nach Südindien (Tamil Nadu) aus, um 1 Jahr an den "Industrial Schools" in Ranipet und Ooty zu arbeiten und mit den Menschen vor Ort zu leben. Wir wollen keine Touristen, sondern im Rahmen unserer Möglichkeiten Botschafter zwischen zwei Welten sein. Unser Einsatz erfolgt im Rahmen der werkstatt-weltweit des JesuitMissionVolunteers-Programms (JMV).
Die Jesuitenmission ist das deutsche Hilfswerk des katholischen Jesuitenordens, das sich weltweit mit den Armen und Benachteiligten solidarisiert, sich für Glauben und Gerechtigkeit einsetzt und den Dialog zwischen den Kulturen aufnimmt. Diese Ziele werden z.B. im Rahmen der Flüchtlings-und Katastrophenhilfe, Schulbildung und beruflichen Ausbildung oder im Bereich der Menschenrechtsarbeit realisiert. Als Teil dieses internationalen Netzes an Projekten, Erfahrungen und Kontakten ermuntert die „werkstatt-weltweit“ zum Hinterfragen und Mitgestalten an einer gerechteren Welt. Hierzu werden regelmäßig interessierte Menschen jeden Alters auf Freiwilligendienste nach Afrika, Asien und Lateinamerika entsandt. In diesem Sinne treten wir beide gerne unseren Freiwilligendienst im Namen dieser Organisation an.
 
Unser Einsatz bei der Jesuit Chennai Mission wird uns während der ersten 6 Monate (09/2009 - 02/2010) nach Ranipet, Vellore District, ca. 4 Fahrstunden westlich von Madras (Chennai), der Hauptstadt Tamil Nadus, führen und anschließend bis 08/2010 nach Ooty, Nilgris District, auf ca. 1900 m in den Nilgiri-Bergen, an der Grenze zum Bundesstaat Kerala gelegen.
An beiden Orten bietet sich an der jeweiligen "Industrial School" für Turgay die Möglichkeit, im Bereich Solarenergie und Klimatechnik tätig zu sein.
Vorgesehener Einsatz für Mary: Englischunterricht und Frauenförderprojekte.
Wie sich unsere Arbeit konkret ausgestaltet, wird sich letztlich nach der Ankunft vor Ort herausstellen ganz nach dem Motto: Kommt und seht (come and see).
 

Rundmails und Förderkreis


 
Damit unser Einsatz und Aufenthalt gelingen kann, sind wir auf Menschen angewiesen, die uns in Gedanken, Worten und Taten - auch mit materieller Hilfe - unterstützen. Gerne lassen wir alle Interessierten an unseren Erfahrungen vor Ort teilhaben, indem wir regelmäßig Rundbriefe per E-mail versenden. Wenn Ihr auf den Verteiler wollt, schickt einfach eine  Mail. Die Mailadresse bietet auch gleichzeitig die Möglichkeit mit uns Kontakt aufzunehmen, falls jemand noch mehr wissen möchte.
 
Einen Teil unserer Einsatzkosten wie Flüge, Visa, Impfungen, Vorbereitungsseminare etc. tragen wir selbst. Kosten für Versicherungen, Unterkunft und Verpflegung sowie ein mtl. Taschengeld von 50,-€ übernimmt die Jesuitenmission, die sich im Wesentlichen aus Spenden finanziert. Es würde uns freuen, wenn sich viele für unseren Einsatz interessieren sowie diesen finanziell unterstützen. Eine Spende kann regelmäßig oder einmalig auf unser Projektkonto bei der Jesuitenmission erfolgen. Selbstverständlich erhalten die Spender/-innen eine Spendenbescheinigung fürs Finanzamt. Jede finanzielle Unterstützung, die die Ausgaben der Jesuitenmission für unseren Aufenthalt übersteigt, kommt unmittelbar den Menschen vor Ort zugute.
 
Projektkonto:
Jesuitenmission, Konto-Nr. 5115582 bei Liga Bank (BLZ 750 903 00);
Verwendungszweck: 3888 ERINÇ


 
 
Fotos: privat
Text: Mary & Turgay Erinc
 
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(ak)