Archiv Gedanken zum Sonntag


Gedanken zum Sonntag - 05. Feb. 2012

 
 
 
 
 
Götz Krusemarck, Pfarrer in Weil im Schönbuch



"Nicht die Natur, nur der Mensch kennt Erbarmen, aber nicht oft lässt er es walten," schreibt der österreichische Schriftsteller Ludwig Anzengruber (1839-1889). Barmherzigkeit ist etwas zutiefst Menschliches, und doch alles andere als selbstverständlich. Das Wort Barmherzigkeit hat einen merkwürdig verstaubten Klang, als käme es aus anderen, beinahe versunkenen Welt. Wir müssen dieses Wort erst für uns neu gewinnen. Barmherzig sein tut uns und den Menschen um uns herum gut.

Ein weinendes Kind, das seine Eltern sucht und uns plötzlich in die Arme läuft. Ein verzweifelter Mann, der nicht weiß, wie er sich bis zum Monatsende über Wasser halten soll. Eine Frau, die plötzlich zu weinen beginnt. Da gibt es kein Ausweichen. Wir spüren: Hier bin ich gefragt. Barmherzigkeit meint: Etwas geht mir zu Herzen. Ein Mensch oder ein Geschehen lässt mich nicht mehr los. Plötzlich geht uns etwas ganz an, auch wenn wir dazu eigentlich weder Zeit noch Lust haben.

Wahrscheinlich ist Barmherzig deshalb ein sperriges Wort. Es will nicht so recht in unsere Zeit passen. Barmherzigkeit stellt unsere Planung und Organisation auf den Kopf. Was klar war, wird durcheinandergewirbelt. Uns begegnet ungeplant ein Mensch und wir müssen uns spontan darauf einlassen. Jenseits aller Zieldiskussionen und jenseits von allem Streben nach Effizienz sind wir als Menschen gefragt. Wir setzen Zeit und Kraft ein, ohne dass sich das in irgendeiner Weise rechnen würde.

Mancher hat um sich herum mühsam die Fassade des Starken, den nichts erschüttert, aufgebaut. Barmherzigkeit lässt diese Fassade bröckeln. Darunter kommt der Mensch zum Vorschein, der Schwäche zeigt und dem die Not des anderen zu Herzen geht.

Regeln und Ordnungen sind wichtig. Sie ermöglichen das Zusammenleben. Sie können aber auch hartherzig machen. Manchmal aber spricht uns durch alle Regeln und Ordnungen hindurch die Not eines Menschen an. Wir üben Barmherzigkeit, ohne nach Ordnungen und Regeln zu fragen.

Denken wir: „Der ist doch selbst schuld an seiner Lage“, dann erreicht uns die Not des andern nicht. Wir sind gefangen in der Vorstellung, dass jeder erhält, was er verdient. Barmherzigkeit sprengt dieses Denken, das von der Wechselwirkung von Leistung und Belohungen oder Strafe geprägt ist. Barmherzigkeit schenkt uns den Freiraum, um dem andern neu zu begegnen. Wir verstehen, dass das Leben sich nicht in ein Schema von Leistung und Belohnung pressen lässt. Wie spüren, dass es nicht darauf ankommt, ob Not selbst verschuldet ist. Es kommt darauf an, wie die Not abgewendet werden kann.

Jesus sagt: „Seid barmherzig, wie auch Gott, euer Vater, barmherzig ist“ (Lukasevangelium 6,36.) Wer barmherzig handelt, ist ganz Mensch. Und er ist in der Spur des barmherzigen Gottes. Gott begegnet uns barmherzig. Er hat einen Blick für unsere Not und sieht uns voll Liebe an. Lassen wir uns von Gottes Barmherzigkeit anstecken.